Hart in der Sache, zivilisierter als die Verwünschungen aus Deutschland: Der Kampf um den Brexit ist für die Demonstranten vor dem Parlament noch lange nicht vorbei.

Anyone who votes Labour ought to be locked up, sagte der Feldmarschall Montgomery einmal nicht in der gebotenen, britischen Zurückhaltung, aber heute, 2019, ist er mit dieser Haltung nicht allein: Als ich in München abreiste, hieß es noch, sieben Labour-Abgeordnete hätten die Partei verlassen, weil sie die Führung nicht mehr ertragen. Einerseits, weil der in diversen deutschen Medien lange Zeit gefeierte Parteichef Corbyn antisemitische Tendenzen innerhalb der Partei wohlwollend duldet. Andererseits, weil er nicht entschlossen gegen den Brexit auftritt. Als ich dann in St. James mein Notebook wieder öffnete, waren es schon acht Aussteiger, und an der U-Bahn wurde mir – man möge in interessanten Zeiten leben! – die Schlagzeile überreicht, nach der nun auch Tories nachdenken, ihren eigenen Weg jenseits von Frau May zu gehen.

Es ist also einiges in Bewegung in diesen Tagen in London, alte Gewissheiten und Massenparteien bröckeln vor sich hin, Parteiführer schwächeln, Konflikte brechen auf, und je nach Sichtweise kann man sagen, dass sich das Land über den Brexit in eine schwere Krise manövriert hat. Oder dass durch den Brexit die demokratischen Kräfte nun freier walten und das in Europa ohnehin ein Trend ist, von den abspaltungsfreudigen Katalanen über die gelben Westen der Franzosen bis zum Movimento 5 Stelle (M5S) in Italien. Das ist übrigens auch für die Deutschen interessant, denn wegen der Schwäche der Volksparteien in Europa und der Stärke der EU-kritischen Parteien M5S und Lega in Italien ist anzunehmen, dass diese beiden italienischen Protestparteien im kommenden Europaparlament zwei der größten Gruppen stellen werden. Man mache sich bitte keine Illusionen: Westminster 2019 kann durchaus das Vorspiel von Quirinal 2021 sein, und eine EU ohne Italien ist wie eine Bäckerei, in der es nur britisches Brot gibt: kurzfristig überlebbar, aber langfristig entweder pleite oder von wütenden Kunden niedergebrannt.

Mich als Neigungsitaliener betrifft das alles in besonderem Umfang, und daher bin ich dankbar um einen Versuchslauf in einer Region, deren Wohl und Wehe mir nur so lange am Herzen liegt, als die Royal Mail noch Silberkannen nach Deutschland liefert. Und von außen betrachtet sieht das Schlachtfeld, auf dem sich Brexit-Befürworter und ihre Gegner gegenüberstehen, eigentlich gar nicht so schrecklich zerbombt aus. London wirkt – speziell im Vergleich mit dem Reichshauptslum, den Deutsche für ihren Regierungs- und Zentralstaatsmediensitz halten – sauber, die Menschen sind deutlich besser bekleidet, und in der U-Bahn hat sich niemand vor meinen Augen übergeben wie das letzte Mal an der Kochstraße. Allenthalben fallen dem geneigten Besucher die zur Schau gestellten Symbole des Landes ins Auge, die bei uns Twittermobs, Antifabrandstifter und staatlich geförderte Wortkontrollettis mit Stasibezug in Bewegung setzen würden. Diese Insel, sie ist in dieser Hinsicht ähnlich unverklemmt wie Italien – und süß und putzig.

Ähnlich wie in Berlin, wo viel fliegende Umweltmoralaktivisten gerne an Orten auftauchen, wo die Medien ohnehin schon sind, und sich nicht mehr mühselig zu einer Pressekonferenz begeben müssen und dort vielleicht sogar kritischen Fragen stellen, ähnlich wie in Berlin also findet man die Bilder für und gegen den Brexit gleich neben dem Parlamentsgebäude. Man überquert die Themse auf der Brücke mit ihren massiven Antiterrorpollern und Betonarmierungen, winkt freundlich den bis zu den Zähnen bewaffneten Kampfhubschraubern zu, die hier wie in einer Szene aus „London Has Fallen“ das Luftbild bereichern, grüßt auf einer kleinen Grünfläche Churchills Statue, und wendet sich dann nach links. Dort bekommt man alles, was man für einen Brexitbeitrag so braucht, um die Insel anschließend als gespaltene Gesellschaft zu präsentieren. Zuerst einmal kommen – zumindest am Tag während des Stoßverkehrs – die Freunde des Austritts aus der EU. Ihr Ziel sind offensichtlich die Autofahrer, denn sie haben sich mitten im Verkehr aufgestellt.

Und verlangen nun, dass die Vorbeifahrenden mit ihrer Hupe jenen Herren und Damen nebenan im Parlament mitteilen, dass sie ebenfalls für den Brexit sind. Ich habe mir das fünf Minuten lang angeschaut und würde sagen, dass vier von fünf Leuten, die ihre Hupe betätigten, das verkehrsbedingt taten: Radler verscheuchen, anderen Automobilisten den beklagenswerten Zustand ihrer Fahrkünste kommunizieren, und letztlich Fußgänger vom Kontinent, die die Sache mit dem Linksverkehr vergessen haben und, in die falsche Richtung schauend, auf die Straße liefen, auf ihren Irrtum hinweisen. Es ist hier nicht ganz so schlimm wie Rom an einem Freitagabend, es wird vielleicht etwas weniger gehupt, und nur ganz selten bei den Plakaten der Befürworter. Die haben auch keine Augen für die Fußgänger, denn der Londoner gilt allgemein als Gegner des Brexits, und unter den Pendlern aus der Provinz ist die Erwartung, Anhänger zu finden, deutlich größer. Ich möchte aber betonen, dass ein Hupsignal mehr oder weniger in diesem Lärmbordell nicht mehr auffällt als das Knistern von Seidenstoff beim Entkleiden während einer wilden Sexorgie.

Die Menschen passieren die Straße hinter dem Schildträger, denn auf der Seite der an sich sehr hübschen Abtei Westminster sieht man weiter unten schon Polizei, Demonstranten und weitere Fahnen, und es scheint mir, als wollte der Londoner einfach seinen Weg finden und nicht von politischen Begehrlichkeiten gebremst werden. Jedenfalls, am Ende des Parlamentsgebäudes haben sich die Brexitgegner postiert. Es sind deutlich mehr. Sie sind ständig hier. Ihre EU-Fahnen haben sie nachhaltig befestigt, wie auch ihre Plakate, die vom drohenden Schicksal des Landes berichten. Einer sagte mir – nachdem ich, dazu aber später mehr, zwischendrin aufgehalten wurde – er hätte keine Lust, nach dem Brexit unten an der Themse Ratten jagen zu müssen. Die Vorstellungen hier sind ziemlich dystopisch, auch wenn manche Plakate durchaus nett sind: Man befürchtet abwandernde Firmen und Arbeitsplätze, allgemeinen Niedergang und ausbleibende Touristen. Freundlicherweise habe ich nicht gesagt, dass ich, egal ob Intifada in den besetzten Gebieten, Erdbeben in Oberitalien, Flüchtlingskrise in Spielfeld oder eben brandschatzender Bürgerkrieg in London, ganz schnell und gerne wiederkäme. Letzteres hätte hier manchen in seinen Befürchtungen nur bestätigt.

Der Kampf wird jetzt schon mit einer gewissen, nachhaltigen Härte geführt. Die BBC und andere Sender brauchen für ihre TV-Übertragungen am besten eine hübsche und typische Szenerie ohne Störer, und die gibt es auf einem kleinen, eingezäunten Rasenfleck zwischen Parlament, Straße und Westminster Abbey. Aber vor die störungsfreie Aufnahme hat das Schicksal das gesetzt, was der bekannte Bewegungsphilosoph Jeremy Clarkson einmal so treffend als „british ingenuity“ bezeichnet hat. Wenn also ein TV-Team einen Reporter aufnehmen will, postieren sich die Aktivisten direkt am Zaun, und halten dann eine sehr lange Stange in die Grünfläche. Am Ende der Stange ist die Flagge der EU, und so haben die Sender die Wahl – entweder sie machen mit beim Katz-und-Maus-Spiel, das sie aufgrund der kleinen Fläche und der Länge der Stange kaum gewinnen können. Oder sie sagen sich, es ist doch egal, welche Fahne dahinter zu sehen ist, und nehmen sie mit auf. Es wurden so viele Fahnen gezeigt, eine mehr oder weniger macht das Kraut selbst auf der Insel nicht mehr fett.

Ansonsten sind die Menschen friedlich, sie sind einfach da und rufen keinerlei Slogans. Sie halten ihre Schilder mit den Endzeitvisionen hoch, Luftballons steigen, Fahnen knattern im Wind, und nur einer fällt heraus – ein älterer Herr mit einem Schild, das besagt, Jesus wäre für unsere Sünden gestorben und man sollte bereuen. Wissen Sie, ich habe wirklich immer Pech mit solchen Leuten. Claudia Roth empört sich über meine Beiträge. Ralf Stegner arbeitet sich an mir ab. Einmal hatte ich auf der Via Francigena einen Platten am Rad an genau der Stelle, an der ein selbsternannter Exorzist meinte, mir meine Besessenheit erklären zu müssen. Und der Mann mit dem Schild hätte sich wirklich jeden Demonstranten heraussuchen können, um ihn zur Reue aufzufordern, aber wen nimmt er? Na? Ich nahm höflich seinen Zettel, kürzte aber – so dachte ich – die Debatte um meine Reue ab, indem ich ihm erklärte, dass ich a) Atheist bin und b), bedingt durch gewisse, aus der Levante stammende Vorfahren, wenn dann überhaupt mehr zu einer anderen und deutlich älteren Religion aus Judäa neigen sollte. Das wirkt in Deutschland immer und in England überhaupt nicht, denn:

Der Mann hub an, mir Sacharja Kapitel 14 zu zitieren. Diese Endzeitvision gehört zu den eher unfreundlichen Bemerkungen in der Bibel über das Volk Israel und alle anderen Völker, um es höflich zu formulieren: „Siehe, ein Tag kommt für den Herrn, da verteilt man in deiner Mitte dein Plündergut. Und ich versammle alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg; und die Stadt wird eingenommen und die Häuser werden geplündert. Und die Frauen werden geschändet.“ Und weiter heißt es darin: „Und dies wird die Plage sein, mit der der Herr alle Völker plagen wird, die gegen Jerusalem in den Krieg gezogen sind: Er lässt jedem sein Fleisch verwesen, während er noch auf seinen Füßen steht, und seine Augen werden verwesen in ihren Höhlen, und seine Zunge wird in seinem Mund verwesen. Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird eine große Verwirrung von dem Herrn unter ihnen entstehen, sodass einer des anderen Hand packen und sich seine Hand gegen die Hand seines Nächsten erheben wird.“ Da steht man also mitten in London, vorne die Brexitbefürworter, die glauben, die EU sei ein sinkendes Schiff, das das Land in die Tiefe reißt. Und um einen herum sind die Brexitgegner, die glauben, das Land werde verhungern und verdorren. Alle haben sie Visionen übelster Natur und glauben, nur ihr Weg könnte das Land retten. Und inmitten des Konflikts steht da einer, der sagt, Sacharja würde ihm eingeben, was Israel und solchen wie mir drohen würde, mit Worten, die nun schon 2540 Jahre alt sind, und eigentlich nur beweisen, dass man schon immer, zu jeder Zeit, bereit war, das Schlimmste anzunehmen, wenn es nur irgendwie in die eigene Agenda passte.

Ich war gefangen, ich war redebereit, die Umstehenden bemerkten, dass da einer sogar mit dem Prediger sprach, und so hörte ich auch ihre Ängste, und verkniff es mir gerade noch zu sagen, dass ich selbst als Vegetarier jede frische Ratte aus der Themse dem Körnerbrei vorziehen würde, der aus der Hand britischer Köche im Flugzeug gereicht wurde. Vielleicht haben sie ja recht, vielleicht wird das alles ganz furchtbar, und mir persönlich würde ein friedliches, großes, effektives Europa auch besser als das enge, nationalstaatliche Gefrickel der Vergangenheit oder die real existierende Juncker-Merkel-EU gefallen, die man hierzulande demokratisch abgelehnt hat, und die daraus absolut nichts gelernt hat, sondern meine Zweitheimat Italien ebenfalls reif für den Austritt macht. Ich habe eine gewisse Achtung vor jenen, die für ihre Ideale kämpfen, auch wenn die Schlacht schon geschlagen ist, egal ob mit Hupen oder langen Stangen, sofern es nur friedlich ist. Aber all die Argumente und Erwartungen, man hat sie schon so oft gehört, und sie ändern sich nicht mehr: Es ist kein Zufall, dass hier nur vielleicht 60, 70 Leute demonstrieren. Und sich der Rest um sie herumschlängelt, als wären sie Endzeitprediger, die nun mal generell einen schweren Stand haben. Die meisten denken sich vermutlich, there will always be an England, und irgendwie wird es dann schon weitergehen.

Abgesehen von der Küche sind das famose Leute, sehr zivilisiert, wirklich, keiner hat mich totgefahren, und zum Essen sind wir dann zu einem sehr delikaten Inder gegangen. There will always be an England, damit sollte sich Europa abfinden, und seinen nächsten Nachbarn mit Freundlichkeit, Zuvorkommen und Respekt behandeln, wie immer es auch ausgehen mag. Bitte keine irren Endzeitvisionen mehr, der eine Prediger hat mir wirklich gereicht, und fundierter wird es auch in den deutschen Medien nicht, wenn sie über die Plagen geifern, die über diese wirklich netten Menschen kommen sollen. Die einen haben britisches Brot und die anderen die ARD. Wir sollten demütig im Umgang mit den Fehlern der anderen sein, zumal man zur deutschen, moralischen Großmannssucht nun wirklich keinen Propheten, sondern mehr so Churchill und Montgomery zitieren muss.