Die Arbeiterinnen an der Kurfürstenstraße sahen nicht mehr nach Teenage-Drogenromantik aus, sondern nach transsilvanischen Schlichtbausiedlungen. Die Zeit ist hier nicht stehen geblieben, sie ist in die falsche Richtung abgebogen.

1.

22 Uhr, 30°C, Rue de Berne, das Genfer Bahnhofsviertel Les Pâquis, ich sitze zusammen mit meinem Falafelteller vor dem Sultan Beyrouth und analysiere das Leben auf den Bürgersteigen. Vorläufiges Endergebnis: Es ist divers, es ist relaxed. Autoklimaanlagen, Satzfetzen, Hup- und Körpersignale. Fast komme ich mir vor wie in Marseille. Oder in Tanger. Lagos. Wie in einer Menge Städte, die ich noch nie besucht habe, und circa 20 Stunden zuvor waren wir in der Gegend des Kottbusser Tors unterwegs: vergleichbare Temperaturen, verwandte Szenerien, leuchtende Schnellimbissvitrinen, Touristen, Händler, Menschen und ihre Projekte, Menschen ganz ohne Projekt. Die Zutaten erschienen ähnlich wie in Pâquis, trotzdem war alles anders. Kulissenhafter. Konfuser. Aufgeladen mit Zweit- und Drittbedeutungen. Wir streiften durch Projektionen. Durch lehrreiche Soundbites.

„Le Kotti – c’est fini. Que des touristes, des connards.“

„Oui, oui, je sais.“

Neunzehnjährige französische Mietpreisbremsen. SO36-Häuserkampf-Veteraninnen. Gerne hätte ich gefragt, wo sich die Bar befindet, nach der wir suchten. Ob wir überhaupt noch suchten. Aber keine Zeit. Wir mussten weiter. Wir liefen durch die Gegend. Vorbei an Tausenden von Läden, die samt und sonders irgendeine Besonderheit aufwiesen, die wiederum niemanden interessierte. Das Ding dieses Sommers: „Cornern“. Alles trank draußen, die Dichte an jungen Leuten war unglaublich. Sie war so groß, dass man in den Luftraum expandierte. Wir sahen eine Galerie straffer Unterschenkel vom Flachdach einer Aldi-Filiale baumeln. Ein Samstagabend als Sonderangebot. Ich unterdrückte den Reflex, die Polizei zu rufen, drei Sekunden später wollte ich mich plötzlich dazugesellen. Die Idee, mich dazuzugesellen und dann die Polizei zu rufen. Letztlich wusste ich nicht, was ich denken sollte. Doch das war in Ordnung. Es fühlte sich gut an.

2.

Eigentlich begannen die Unklarheiten schon während des Landeanflugs. Die Stadt von Süden aus betrachtet. Eine massive, ausgedehnte, leicht gezackte Steindecke. Eher groß, dieses Berlin, fand ich, doch kurz darauf begrüßte uns die Kabinenchefin mit einem strengen „Willkommen in New York“. Es folgten weitere Easyjet-Gags, die Witze hörten gar nicht mehr auf. Schließlich dankbarer Applaus. „Dit is Berlin“, dachten sich 150 Westschweizer. „Dit is New York“, dachte ich. Zudem Neugier auf den Rückflug: Welche Stadt würde man wählen, um sie mit Genf zu verwechseln? Kalkutta?

Nicht nur in Indien, auch in Berlin kann es heiß werden. Vielleicht deswegen in der kochenden S-Bahn gleich das nächste Rätsel: Abbremsen auf offener Strecke. Schleichfahrt. Nach einiger Zeit die Durchsage: „Meine Damen und Herren, wir haben einen Notruf von einem anderen Zugführer erhalten. Der Notruf war allerdings kaum verständlich. Bis auf Weiteres Geschwindigkeitsreduzierung auf 40 km/h.“ Ich schaute mich um, niemand reagierte. Die Sprachbarriere? Dann der Zusatz aus dem Lautsprecher: „Immerhin fahren wir noch …“ Lustig, fand ich. Dit is … ich schaute aus dem Fenster … Adlershof? Altglienicke?

Wenig später die kommentarlose Tempoverschärfung. Zügig ging es nun in Richtung Manhattan. Allein die Namen der Stationen! Ostkreuz! Warschauer Brücke! Très cool. Très exotique. Draußen Stadtlandschaften, die in der Schweiz staatliche Hilfs- und in Frankreich staatliche Repressionsmaßnahmen zur Folge hätten, hier aber multilinguale Entzückenslaute provozierten. Umsteigen in die U-Bahn, in einer Mobilsauna Richtung Kreuzberg.

„Ey, haste dein Kind nicht unter Kontrolle?“ Ich schaute mich um. Eine migrantische Mutter mit agilem Nachwuchs neben einer sonnenbebrillt-cholerischen Alkohol/Methadon/Kokain-Kombination. Ein klassischer Nahverkehrskonflikt, in den sich bald schon andere Parteien einmischten.

„Halt die Schnauze!“

„Halt du die Schnauze!“

Ich tat wie mir befohlen und schlug mich schweigend bis zum Hotel durch. Interessante Hinfahrt.

3.

Stadtwerbung, die clever agieren möchte, erfindet eine Not, um damit gleich mehrere Tugenden zu kommunizieren. Sie feiert Brüche, Widersprüche, die visuellen Spannungsfelder der jeweils anzupreisenden Schrottkommune, und nicht umsonst wurde diese spezifische Kommunikationsstrategie in Berlin geboren. Hier passt nichts zusammen, wirkt alles zusammengeschustert. Ein auf karg-sandiger Fläche hingegossener Häusereintopf, so mein erster Gedanke, als ich im obersten Stockwerk des KaDeWe ans Panoramafenster trat. Aber eben auch gar nicht so schlecht. Irgendwie mutig. Ein Experiment.

Ein Anti-Paris. Ein Negativ-Rom. Ringsum das West-Berliner Vorzeigekaufhaus entfaltete sich Chaos West-Berliner Baustile, in das sich die Menschen – egal, wie sie gekleidet waren, egal, welche Frisuren sie missverstanden – perfekt einpassten. Überhaupt, Berliner und Mode? Ein legendärer Nichtangriffspakt. Alles ist möglich! Berliner Modestile sind textile Berlin-Architektur. Billig-schäbig, trotzig-pragmatisch, ungeschickt-avantgardistisch. Je nachdem.

Beliebte No-Go-Area: Am Kottbusser Tor in Kreuzberg

Wir frühstückten im KaDeWe, belauschten Spandauer Rentner an den Nachbartischen. Tenor: Früher war alles besser. Das ist wahr. Wir fuhren nach unten, gingen auf die Straße und stellten fest: Früher hat gar nicht aufgehört. Mauerstadt, Honey! Kleiststraße, Wittenbergplatz, Nollendorfplatz: vertrauteste Charme-Reduktionen. Gebauter Irrsinn. Gut gelaunte Sechzigerjahrefassaden. Es war heiß und wurde immer heißer. Links ein Laden namens „Blue Boy Bar“, davor ältere deutsche Kunden und junge südosteuropäische Dienstleister.

„Chérie, ist dir aufgefallen, dass Homosexuelle in dieser Stadt das Stereotyp des gut gekleideten, hochattraktiven Homosexuellen aktiv konterkarieren?“

„Finde ich gut“, sagtest du. „Aber ich brauche noch einen Kaffee.“

Wir spazierten weiter durch den Kiez, auf den nahtlos der nächste folgte. Kiez – ein in Berlin extrem populäres Wort. Ein Begriff, der mich seit jeher wahnsinnig macht. Bülowstraße, links in die Potsdamer, wieder links in die Kurfürstenstraße. Christiane-F.-Gedächtnisreservat. Aus unsichtbaren Lautsprechern lief Musik des Ehrenberliners David Bowie. David Bowie – Säulenheiliger eines verzweifelten Kommunal-Marketings, vor allem aber tot, weswegen die Arbeiterinnen an der Kurfürstenstraße nicht mehr nach Teenage-Drogenromantik, sondern nach rumänischen Abrissdörfern aussahen, nach transsilvanischen Schlichtbausiedlungen. Die Kurfürstenstraße: eine geteerte Heten-Blue-Boy-Bar, und mein Eindruck vor dem KaDeWe war falsch: Die Zeit ist selbst hier nicht stehen geblieben, sie ist in die falsche Richtung abgebogen.

„Schatz, warum immer so kritisch? Ich dachte, du magst West-Berlin.“

Absolut richtig! Was sollte dieses zutiefst berlinerische Rumgemecker? Als wir das Café Einstein betraten, eine gehobene k. u. k. Kaffeehausschimäre mit angeschlossenem Märchengarten nur zweihundert Meter entfernt von den südosteuropäerischen Elendsszenarien, nahm ich mir vor, mich endlich zusammenzureißen. Die Wahrheit ist: Ich mag Berlin, die Stadt war immer freundlich zu mir, und die Gurkenkaltschale, die eine hyperernste, dabei sportlich-drahtige Blondine, eine in Genf ganz und gar unmögliche Erscheinung, schon sehr bald vor uns abstellte, kühlte mein überhitztes Gehirn weiter herunter. Am Nebentisch: vier offenkundig nicht in Berlin eingekleidete Frauen. Angehörige der Bourgeoisie? Hanseatinnen auf Ost-Safari? Ich erkannte eine Tatort-Kommissarin.

„Hinter dir sitzt eine in Deutschland berühmte Schauspielerin. Meinst du, ich könnte hingehen, und sie nach ihren Eindrücken fragen?“

„Eindrücken von was?“

„Keine Ahnung. Von allem.“

„Gute Idee, Honeylein.“

4.

Auch am nächsten Tag brannte eine unternehmungslustige nordafrikanische Sonne auf Berlin herab. Im Kettenhotel frühstückten wir zusammen mit Angehörigen sämtlicher Nationen, traten anschließend hinaus in die Glut, schmolzen ein wenig durch die Nachbarschaft. Alles normal soweit, alles nach wie vor Westen, meine Laune friedlich-resigniert. Dann aber fiel mir ein, dass diese Stadt mehr zu bieten hat.

„Schatz, möchtest du im Zoologischen Garten den Tieren beim Gefangensein zuschauen? Oder hast du Lust, mit mir einen Blick auf die andere Seite der Mauer zu werfen?“

„Wo liegt da der Unterschied?“

„Also beides?“

„Na klar.“

„Zu Fuß?“

„Wie sonst? Öffentlicher Nahverkehr leidet unter dem Stigma des Kollektivismus.“

Ich schaute meine langjährige Partnerin womöglich etwas nachdenklich an.

„Was?“, kam es prompt von ihr.

„Nichts. Aber wenn uns die Volkspolizei kontrolliert, halt dich bitte mit derlei Statements zurück.“

Kulinarischer Höhepunkt jeder Berlinreise: Konnopkes Imbiss an der Schönhauser Allee

Im Zoo lernten wir, welche Bewegungsabläufe der Eisbär bei schwülen 35 °C bevorzugt. Das Raubkatzenhaus hatte geschlossen, außerdem kauten drei weiße Wölfe einträchtig auf einem früheren Hähnchen herum, und zwei Stunden später befanden wir uns auf einem angenehm geräumigen Gelände an der Potsdamer Straße, das nur unwesentlich von versprengten Beispielen Berliner Repräsentativarchitektur verunstaltet wurde. Das Gelb der Philharmonie-Fassade erinnerte an die Farbgestaltung öffentlicher Toiletten in den Siebzigern, die Neue Nationalgalerie präsentierte sich als Baustellengerippe.

„Mies von der Rohe macht Bildungsspießer frohe.“

Du lachst: „Von dir, Spatz?“

„Berliner Schnauze.“

„Finde ich gut, dieses Schnäuzchen.“

Weiter Richtung Osten. Potsdamer Platz. Ein neues Zufriedenheitsplateau, Anflüge von Begeisterung. Diese Weite! Diese Räume! Drei Hochhausstummel ragten zaghaft in den Himmel, in Hongkong hätte man sie als Hundehütte vernutzt, aber dennoch: Das Areal atmete Grandiosität. Die Wucht der Magistralen. Die glühende Sonne. Die Weltanschauungen. Berlin – Geschichte, Gegenwart, Gukunft. Erneut Probleme mit meinem Kognitionsapparat. Zur Ablenkung machte ich Fotos. Auf meinem Handy plötzlich ein Immobilienrechner. Visionen von einem Leben im Osten. Die Taiga im Frühling. Blütenmeere. Wir reiten zum Frühstück auf kleinen Pferdchen.

„Komm, lass uns jetzt das imperiale Berlin betrachten.“

Wie viele Berlins gab es eigentlich? Diese Stadt überstieg mein Speichervolumen.

„Okay“, antwortete ich trotzdem.

Eine halbe Stunde später: Unter den Linden. Plötzliche Pracht. Zeughaus, Kronprinzessinnenpalais, Dom. Wilhelminische Spät-Renaissance. Neogotischer Gründerzeitklassizismus. Im Hintergrund der Fernsehturm, der Alexanderplatz, in Beton gegossene, wie in Bernstein konservierte Sowjetmacht. Wir standen auf dem Trottoir einer ziemlich breiten Straße. Spanische Teenager alberten herum. Ein Italiener trug das Trikot des Preußenkönigs Francesco Totti, dessen alte Heimat man gleich nebenan aus dem historienübersättigten Berliner Boden plattenbaustampfte. Das gefiel mir außerordentlich gut. Darin lag – eventuell – Humor. Ich kam mir vor wie in einer dieser verrückten chinesischen Plagiatsretorten. Der Himmel leuchtete. Der Himmel brannte in den Farben der Kalahari. Dringend notwendige Rast unter einem Säulengang auf der Museumsinsel.

„Hey, alles okay bei dir?“

„Ja. Ich verarbeite.“

„Wieder die Eindrücke?“, fragst du ironisch. „Die krassen Berliner Gegensätze?“

„Wenn“, begann ich mit einem original Man-hat-uns-Würde-und-volkseigene-Lebensentwürfe-geklaut-deswegen-möchten-wir-nun-den-Südländer-grillen-Seufzen, „wenn wir uns eine Vierzimmerwohnung schießen, Pankow, sagen wir hundert 100 Quadratmeter, muss ich, bis wir schuldenfrei sind, nur noch siebenundfünfzigtausend solcher Artikel schreiben.“

„Schuldenfrei?“ Auf deinem Gesicht ehrliches Entsetzen. „Bist du Sozialist?“

„Na und? Die Wölfe im Zoo haben auch geteilt.“

5.

Der letzte Teil unseres großen ideologiekritischen Berlinspaziergangs im Sommer 2018 führte uns in die geheimnisvollen Fremdenverkehrszonen von Mitte. Im Gewusel des Hackeschen Markts, zwischen drei Dutzend voller Pizza-Burger-Kebab-Anstalten, ein Kreis junger Aktivisten mit demonstrativ aufgeklappten Laptops. Darauf zu sehen: Szenen von Tierfolter. Ich bedeutete den Demonstranten meine Zustimmung zu radikalsten, selbst terroristischen Maßnahmen. Außerdem bekam ich langsam Hunger. Gab es hier, zwischen all den Buden und Restaurants auch einen Laden, wo man vielleicht mal etwas essen konnte? Wir schlenderten weiter. Berlin heißt Suchen. Wir fanden die Oranienburger Straße.

Eine rasende Atomsonne näherte sich der verkohlten Horizontlinie, die wir jedoch nicht zu Gesicht bekamen, denn überall standen Häuser und junge Menschen herum. Man trank und sprach über Dinge, belauscht von in Mai-Tais aufgelösten Staatssicherheitsmikrofonen. Wandel durch Annäherung. Annäherung durch Information. Information als trinkbare Entspannungspolitik. Ich fühlte mich etwas klapprig. Konfus. Berlin: offenkundig zu viel für mich. Erst recht für sich selber. Schlangen vor Geldautomaten. Veganer Bargeldbezug. WLAN-Sashimi. Koschere Ingwer-Sandalen. Hungrig schlichen wir durch ein Kaleidoskop kulinarischer Sinnstiftungen. Durch ein Bombardement ideologischer Amuse-Gueules. Stimmen und Lachen auf den Bürgersteigen.

Wie viel hier alle immerzu redeten! Es war gespenstisch. Die DDR? Mitnichten ein schweigsames Land. Aber irgendwie auch gut. Ich fühlte mich wohl, auch wenn ich nicht dazugehörte. Deutlich nahm ich die Blicke wahr. Ein Tourist – ausgegrenzt, mild abschätzig betrachtet. Von Touristen. Doch dann plötzlich ein neuer Druck auf meiner von den ganzen Sinnesreizen geröteten Haut. Ein klarer, wortloser Kommunikationsstrahl. Ich schaute auf und erblickte ein germanisches Wunder. Ein Katalogwesen. Stiefel, Absätze, Korsettage. Eine blonde, alle Kategorien außer Kraft setzende Sensation.

„Von denen habe ich gelesen.“ Dein amüsiertes Flüstern in meinem Ohr. „Die sind berühmt. Sollen wir sie ansprechen?“

„Bist du verrückt?“

„Los! Du bist Schriftsteller!“

Du schobst mich zu diesem Hauseingang, wo mich ein Paar eisblauer Warschauer-Pakt-Augen in Empfang nahm.

„Hallo“, sagte ich.

„Ich bin gekommen aus den Vakuen der Mark Brandenburg“, fing sie an. „Ich bin gekommen, um all das, was du jemals gesehen und gefühlt hast, auszulöschen.“

„Wow! Bitte fang bei mir an.“

Ich drehte mich um: Dein Lächeln. Dann dein Lachen. Wir alle drei lachten, das Eis war gebrochen; später ging es per Taxi nach Kreuzberg, ein weiterer dieser ausgelassenen Berliner Abende hatte begonnen.

„Ça était?“

Der Bedienstete des Sultans räumt meinen Teller ab.

„Parfait, merci. J’aime les falafel“

„Das meine ich nicht. Berlin – eine Reise wert?“

Ich schaue ihn an. Im Hintergrund die Lichter, die Frauen von Pâquis.

„Keine Ahnung. Lesen Sie den Artikel.“