Andere Meinungen reichen heute als Grund für Enteignungswünsche – das kleine Problem dabei: Während sich der Hunne noch auf sein Pferd setzte, reicht es beim Berliner nur noch für Twitter.

If the battle for civilization comes down to the wimps versus the barbarians, the barbarians are going to win, sagte einmal sehr treffend der Ökonom Thomas Sowell, und daraus kann man ableiten, dass in Zeiten der Barbarei – die genau genommen stetig existieren, immer laufen irgendwo Barbaren rum – der Schwächling nicht wirklich ein Lebensmodell mit Zukunft ist. Aber manchmal ist es auch anders, und der Barbar, der in eine Zivilisation einbrechen will, ist ein sentimentaler Schwächling, der mit Tränen in den Augen zurückblickt auf eine frühere, gute Zeit, die unwiederbringlich verschwindet. Auch ein Barbar mag sich als verfolgte Minderheit fühlen, als schützenswerte Spezies, und aus dieser Schwäche heraus den Anspruch zum Raubzug formulieren. Nachdem ich darüber geschrieben habe, dass auch Enteignungen wie in Berlin soziale Ungerechtigkeiten nach sich ziehen, die der Gerechtigkeit versprechende Sozialismus gemeinhin löst, indem er Maulende und Unzufriedene brutal bekämpft, empörten sich manche in Berlin, wie zum Beispiel Sebastian Leber.

Leber ist Mitarbeiter des „Tagesspiegels“, und bislang scheint seine von vielen unterstützte Forderung, einen Kritiker linksradikaler Thesen zu enteignen, keine Konsequenzen beruflicher oder persönlicher Art zu haben. Menschen nur zu enteignen, weil einem etwas an ihnen nicht passt, haben das NS-Regime und die DDR gemacht, und heute kann man das wieder formulieren, ohne dass man sich dafür irgendwie schämen müsste. Ich habe in den letzten Tagen mal geschaut, wer das alles so retweetet und mit einem Herz versehen hat, und da waren auch einige dabei, die ich von früher kenne – denn von Dezember 2003 bis Juni 2005 war ich selbst in Berlin, und weil die Szene der Netzautoren damals nicht groß war, kannte man sich halt. Mich hat der Zufall nach Berlin gebracht und die Pflicht nach Hause gerufen: Es war immer klar, dass sich bei uns jemand um den Besitz würde kümmern müssen, und 2005 hatte ich zwar ein Angebot, in Berlin gut bezahlt zu arbeiten, aber eben auch die Pflicht, daheim jene Arbeiten zu tun, die anfallen, wenn man nicht einfach den Vermieter anrufen und maulen kann: Weil wir in meiner Familie selbst vermieten, und das schon ziemlich lange, seit der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Außerdem werden Eltern auch nicht jünger, und es muss dann jemand da sein – das war bei meinen Eltern, Großeltern und Vorfahren schon immer so, ich bin halt auch so erzogen worden.

Während also Hunderte im Netz die Vorstellung meiner Enteignung gut fanden – darunter auch Jusos und eine grüne Vielfliegerklimaikone –, radelte ich von meinem Stammhaus, das die Familie schon etwas länger besitzt, zu meinem Elternhaus, das in den 70er-Jahren gebaut wurde, weil man damals meinte, im Grünen wohnen zu wollen. Meine Eltern haben sich diesen individuellen Traum selbst erarbeitet, obwohl die Zeiten schlecht waren. Es gab den RAF-Terror, die Ölkrise wirkte immer noch nach, in Persien kamen Islamisten an die Macht, die Arbeitslosigkeit war hoch, der Autohersteller am Ort hatte gerade eine Krise überstanden und in Nürnberg schlossen reihenweise alte Industriebetriebe – aber meine Eltern bissen die Zähne zusammen, überwanden die Zweifel, arbeiteten und bauten. Dass die Ecke, in der heute das Haus steht, zu den teuersten Lagen der Republik gehören würde, war damals nicht absehbar: Damals hieß das noch der Sumpf oder Schnakenhausen, und heute liest man in Anzeigen, so denn etwas auf den Markt kommt, vom noblen Westviertel am See. Aber auch im noblen Westviertel am See graben sich die neuen Rosenstöcke nicht selbst ein, und so fuhr ich hinaus, arbeitete mich mit der Spitzhacke durch alte Wurzeln, rettete einen Regenwurm und füllte die Löcher mit Rosenerde auf. Das ist hier ziemlich normal, wie so vieles, was jene, die ich von früher kenne und die nun bei Leber einstimmten, nie tun. Ich lese zumindest bei ihnen darüber nichts. Sie scheinen gar keine Eltern oder gar Vorfahren zu haben.

Leber, habe ich nachgelesen, kommt nicht aus Berlin, sondern aus Freiburg im Breisgau. Das ist am anderen Ende der Republik, danach hat er in Hamburg studiert und war an der – staatlich geförderten und trotzdem gescheiterten – Berliner Journalistenschule. Er muss in jener Zeit nach Berlin gekommen sein, als ich meine Zelte gerade abbrach. Die New Economy war damals vorbei, meine Wohnung kostete mit 75 Quadratmetern 230 Euro Miete, und überall waren Läden, die Wohnungsbaufirmen irgendwelchen Künstlern kostenlos zur Verfügung stellten, damit sie überhaupt gefüllt waren. Ich hatte nebenan ein wirklich gutes chinesisches Restaurant, in dem man für Preise essen konnte, zu denen man in München nicht einmal eine Vorspeise bekommen hätte. Ich machte die erstaunliche Erfahrung, dass man dort wirklich billig und gut leben konnte, ohne dass man sich anstrengen musste – denn ich hatte damals mit Mitarbeitern zu tun, die absolut keine Disziplin hatten, solange die EC-Karte noch irgendwas ausspuckte. Die Kühlschränke waren bis auf Medikamente leer, die Restaurants waren voll, ab und an ging ein Immobilienfonds pleite, und ständig waren Robben – Kleintransporter von Robben & Wientjes – unterwegs, um die in die aufgegebene Stadt einmarschierenden Barbaren aus Freiburg und Tübingen in immer größere Altbauwohnungen zu bringen. Wer pro Monat 700 bis 1000 Euro beschaffen konnte, konnte in Berlin gut leben, während bei uns daheim die reguläre Arbeit der Schlüssel zum Überleben war.

Es war die Zeit, in der Sascha Lobo das Buch „Wir nennen es Arbeit“ schrieb, in dem einige meiner Bekannten als Idealbeispiel der neuen Arbeitswelt ohne festen Arbeitsvertrag galten. Es war die Zeit, da man sich Kinder leisten konnte, denn die Wohnungen waren billig und im Überfluss vorhanden. Wer einen Ausstellungsraum wollte, konnte einen mieten, wer eine Modenschau vorführen wollte, fand eine Zwischennutzung, wer eine Lesung machen wollte, fragte eine Bar. Wer um 11 frühstücken wollte, fand jemanden, der Zeit hatte, und wer nachts um 2 noch einmal ausgehen wollte, fand auch jemanden. Evolutionsbiologisch könnte man sagen, dass sich damals eine bestimmte Art an eine Nische anpasste, die durch sehr spezielle Faktoren entstanden war. Aber wie es nun mal so ist mit diesen Nischen: Wenn sich die Faktoren ändern, verschwinden die Nischen wieder. Und die Spezies muss sich entweder anpassen oder untergehen. Die erfolgreichen Anpasser zeigen gerade im Netz ihre neuen Büros mit Parkett und Flügeltüren, bezahlt durch staatliche Auftraggeber. Die Verlierer haben Angst vor Eigenbedarfskündigung und stellen sich hinter Lebers Forderung. Da haben sie es mir aber mal wieder richtig gezeigt. Und danach fragen sie gleich, ob jemand eine gute Mietervertretung kennt.

Es gibt übrigens noch eine dritte Gruppe – das sind diejenigen, die sich erfolgreich angepasst und rechtzeitig Immobilien gekauft haben, als es noch spottbillig war, und trotzdem vom Wohlwollen der mietenden Plebejer abhängig sind. Auch diese dritte Gruppe äußert sich momentan sozialrevolutionär, womit deutlich wird, dass die Thesen von Lenin und Trotzki heute bis weit in die neubürgerlichen Schichten reichen. Nur wenige haben den Mut, offen zu sagen, dass das verlorene Paradies eine Zeit war, die niemandem einen Tritt gab, sein Leben auf die Reihe zu bringen, und dieses Ausbleiben falsche Erwartungshaltungen für die kommende Zukunft geboren hat. Während bei mir daheim Vollbeschäftigung herrschte und Arbeitgeber jeden nahmen, der bereit war, seine tariflich festgelegten Stunden zu arbeiten, tönten meine alten Berliner Bekannten, Vollbeschäftigung sei eine Illusion und man sollte doch bitte das bedingungslose Grundeinkommen einführen. Bei uns wurde während der Euro-Krise das Geld erwirtschaftet, das jetzt eine Rendite sucht, während der Berliner noch im Internet nach der billigsten Pizza suchte, die ein von der Euro-Krise nach Berlin verschlagener EU-Arbeitsloser zu ihm radeln würde. Ab 2008, 2009 wurde Berlin deutlich teurer, es stand auch in den Medien, man konnte es lesen, das Leben fing wirklich an, die Leute zu treten und ihnen Druck zu machen. Manche reagierten, und bekamen ihr Dasein auf die Reihe. Andere besuchten die Berliner Journalistenschule und fordern jetzt Enteignungen. Barbaren sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: Bleich, schmächtig, depressiv, seit den zähen Hunnen und Wikingern hat sich doch einiges verändert.

Natürlich mangelt es ihnen an Bildung und Einsicht: Sie wollen nicht begreifen, dass der Zustand, den sie früher erfuhren, keiner ist, der in der Zukunft Bestand haben kann. Es ist einfach nicht möglich, in einer Stadt wie Berlin unter den heutigen Auflagen zu bauen, und für einen Neubau in den Innenbezirken nur sieben Euro Miete pro Quadratmeter zu nehmen, wenn gleichzeitig ein extremer Migrationsdruck aus anderen Ländern herrscht. Es ist fraglos sozial, Bedürftigen zu helfen, aber der Staat ist nicht dazu da, soziale Veränderungen zu blockieren und Ausnahmesituationen gegen einen Weltmarkt zu verteidigen: Das funktioniert bei der Wirtschaft nicht, die Werte schöpft, und es wird erst recht nicht möglich sein, wo Wertschöpfung als neoliberaler Blödsinn abgetan wird, für den andere zuständig sind. Ich kann mit ihnen nicht über das Rosenanpflanzen reden. Ich finde auch keine Basis zwischen ihren Sorgen, sich das Leben im Berliner Innenbezirk nicht mehr leisten zu können, und meinen Sorgen, in der Restaurierung des Hinterhauses einen Betrag verschwinden zu sehen, den sie in ihrem Leben niemals besitzen werden. Sie fordern meine Enteignung, obwohl ich den Wohnraum schaffe, den sie bräuchten – weil sie nicht die veränderten Rahmenbedingungen betrachten und analysieren, sondern wütend sind: Wegen ihrer vom Staat aufgepumpten Nebenkostenabrechnung, ihren staatlich verschuldeten Strom- und Wasserkosten, wegen den Mietensteigerung und dem schwierigen Aspekt, dass ihr „wir nennen es Arbeit“ nicht zwingend „wir nennen es sicheren Lohn“ bedeutet.

Kurz, sie wollen, dass der Staat die Rahmenbedingungen ändert, damit sie bleiben können, wie sie einmal waren. Der Umstand, dass ich eine Familie habe, die mich im schlimmsten Fall auffangen würde, bedeutet nicht, dass ich heute noch so sorglos wie 2003 nach Berlin gehen könnte, weil sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Aber der Staat, der soll das bitte für jene richten, die keine Familie haben, oder zumindest keine, die irgendwie erkennbar oder in der Nähe wäre, um zu helfen: Für den Fortbestand des goldenen Zeitalters, für eine Verlängerung der Verantwortungslosigkeit, für Experimentieren und Versuchen ohne die Notwendigkeit, an die Zukunft zu denken. Einige von denen, die ich damals kennengelernt habe, wären nach den Vorstellungen meiner Heimat auf dem Weg in die Altersarmut, weil sie absolut keine Rücklagen haben. Ich bin auf dem Weg zum Rosenpflanzen beim Bäcker vorbeigefahren, und am Mülleimer davor, in unserer besten aller möglichen Welten, war ein alter Mann, der die Abfälle durchsuchte: Der Staat ist schon jetzt so brutal. Die Barbaren in Berlin, die stets nur an den nächsten Ersten denken, wenn überhaupt, werden sich wundern, was der Staat alles mit ihnen machen kann, wenn sie Falten haben, einsam sind und ohne Formular überhaupt nichts bekommen werden. Aber 2019, da haben sie es bei Twitter so einem Besitzenden aber gezeigt, da waren sie noch jung und zuversichtlich.

Was mich dabei betroffen macht, ist nicht der Umstand, dass sie mich enteignen, und in den Kommentaren darunter entleiben etc. pp. wollen – was mich seltsam berührt ist der Umstand, dass da welche mitwirken, die nach Eigenaussage für diesen Monat noch zehn Euro haben. Da steht das Schicksal wirklich mit allen hässlichen Zukunftsaussichten vor der Tür, und sie sollten jetzt wirklich, wirklich etwas tun, um von der aktuellen Misere in eine Lage zu kommen, den nächsten Ersten ohne Mangelerscheinung zu erreichen. Der Glaube, man könnte immer am Minimum leben, und man würde schon irgendwie damit durchkommen, es wäre doch das letzte Mal auch noch gut gegangen – dieser fatale Glaube eint solche Aktivisten mit Investoren, die in den 90er-Jahren glaubten, Renovierungen im Osten mit Fremdkapital wäre ein Riesengeschäft und erlaubte Steuersparen. Das ging gut, bis sie erkannten, dass sie stille Teilhaber mit Nachschusspflichten aus dem Privatvermögen sind, wenn das Projekt nicht die nötige Rendite einbringt. Damals haben bei uns manche auf die harte Tour gelernt, dass man sich besser selbst um seine Zukunft kümmert, statt das Geld anderen anzuvertrauen, und dass es wichtig ist, immer Reserven zu haben. Manche in Berlin haben sich in den geplatzten Investorenträumen der 90er-Jahre gut eingerichtet. Sie könnten sich angesichts der Ruinen vergangener Starnberger Zahnwalt-Größe fragen, ob man nicht vielleicht ein wenig umfassender denken sollte, wenn es so offensichtlich wird, dass das alte Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert. Der Staat hat nach 2009 die Banken gerettet, aber 2001 nicht die privaten Investoren nach dem Platzen der Berliner Immobilienblase. Gemeinsam fühlen sich die Barbaren stark, wenn sie zu Hunderten etwas fordern, aber in Hunderten werden schon in den Kiezen die Sozialleistungsempfänger gezählt, die der Staat aufgegeben hat.

Ich hasse übrigens Rosen und bin auch sonst nicht wirklich ein Gartenmensch, und ich war froh, als die Stöcke dann endlich, mit Rosenerde umgeben, im Boden saßen und nur noch etwas Wasser verlangten. Trotzdem war ich danach auch zufrieden, wie man es halt ist, wenn man sich von einer Verpflichtung befreit hat. Es gibt Angenehmeres, aber auch, seitdem ich mehr und mehr Verantwortung übernehmen musste, Hässlicheres in meinem Leben. Sie wollen sicher nicht wissen, welches spezifisch weibliche Verhalten bei uns die Abwasserrohre verstopft hat, für die ich dann eine halbe Winternacht im Freien stand, weil weiter oben die Rohre … nein, wirklich nicht … und wenn ein Hauptwasserrohr hinter einer Kellerwand aus dem 13. Jahrhundert bricht, das ist auch keine Freude. Man erlebt das. Man überlebt das. Man wächst daran, und in Berlin sitzen welche, die sich wundern, warum man 2005 gegangen ist, obwohl man es doch ganz anders und angenehmer hätte haben können. Ich kenne da welche, die sehen ihre Eltern einmal im Jahr, und andere, die den Kontakt ganz abgebrochen haben. Alles geht. Wir leben in einer sehr freien Gesellschaft, die uns zuerst einmal wenige Zwänge auferlegt, wenn wir unseren eigenen Weg gehen, und die auch begrenzt hilft, wenn der Weg falsch war. Individuell dunkle Zeitalter werden garantiert, weil bei uns niemand verhungern muss, aber goldene Zeitalter mit Netflix und staatlich erlaubter Plünderung des Eigentums anderer Leute werden sicher nicht kommen, wenn man mit Hunderten anderer die Enteignung von Leuten fordert, die weit entfernt Rosen einpflanzen, später die Wasserschläuche reparieren und andere Schlüsse ziehen.

Herr Leber wird keine Konsequenzen zu ertragen haben und so weitermachen, und ich auch. Die Barbaren können keine Pferde mehr zähmen, keine Schwerter schmieden und vermutlich nicht einmal mehr einen Fahrradschlauch wechseln, und morgen wendet sich der Aktivismus dann gegen etwas anderes. Die einen werden irgendwann erben und sich still eine Wohnung kaufen, die anderen bekommen nichts, sei es, weil nichts da ist, oder weil Altersheime und Pflegedienste der Eltern auf staatliches Geheiß alles verschlingen, und bleiben zornig. Aber eine Lösung haben sie nicht, und das Goldene Zeitalter wird auch nicht wiederkommen. Es trug schon 2005 den Saat des Untergangs in sich, neue Generationen der Vermögenden werden an den Wütenden ernten, und ich muss jetzt auch wieder los, neue Blumen wurden beim Zitzelsberger erstanden, il faut cultiver notre jardin.