Ralph Ghadban beschäftigt sich seit Jahren mit kriminellen arabischen Clans. Deutschland unterschätze die Gefahr, warnt der Publizist schon seit Längerem. Nun wird er bedroht und erhält Polizeischutz. Ein Einzelfall ist das nicht.

Ralph Ghadban muss rund um die Uhr überwacht werden – der Grund dafür ist auf seinem Handy zu sehen: Der promovierte Politikwissenschaftler, feines weißes Haar, dichter Schnauzbart, zeigt ein Video.

Es ist einer von mehreren Filmen, die in sozialen Medien hochgeladen wurden: 16 Minuten Hass. Männer verkünden darin ihre Parolen. Einer von ihnen, etwa Mitte 30, spricht zunächst die arabische Grußformel „Salam aleikum“ in die Kamera. Dann schimpft er los.

„Du Hund! Du bist ein Hurensohn. Falls du ein Mann bist, verstecke dich nicht.“

Ein anderer droht: „Wir finden dich, egal wo du bist. Und wir werden auf deinen Kopf treten.“

„Die Clans fühlen sich in ihrer Ehre verletzt“

Es sind offene Drohungen. Ihre Namen aber, die nennen die Männer nicht. Nur die Städte, in denen sie angeblich leben: Essen, Duisburg und Stuttgart. Mitten in Deutschland also.

Ghadban erzählt: „Die Clans im Libanon fühlen sich in ihrer Ehre verletzt.“ Sie hätten ihn zu ihrem Feind erklärt. Ghadban ist jetzt 70 Jahre alt. Einfach so vor die Tür gehen – das geht nicht mehr.

Seit vielen Jahren beschäftigt er sich jetzt mit kriminellen Großfamilien. Der Migrationsforscher, der selbst aus dem Libanon stammt, sitzt in Talkshows, schreibt Bücher: Sein aktuelles erschien im Oktober 2018. Der Titel lautet: „Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr“.

Demnach beherrschen Clans mittlerweile die Unterwelt in Städten wie Berlin, Bremen, Duisburg oder Essen. Dort könnten libanesisch-kurdische Familien ihre Geschäfte abwickeln – Raub, Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Geldwäsche.

„Die kriminellen Clans sind so stark geworden, dass sie zum Angriff auf den Staat übergehen“, sagt er. Das sei die Entwicklung: Die Kriminellen gingen in die Offensive. Sie würden die Konfrontation mit Kritikern suchen, aber auch mit Repräsentanten des von ihnen verachteten Rechtsstaates.

Das Buch mit dem expliziten Titel ist dabei nicht der Auslöser, weshalb Ghadban ins Visier genommen wurde. Es war ein Interview, das der Autor Anfang April einem libanesischen Fernsehsender gegeben hatte. Er vertrat dort dieselben Thesen wie im Buch, und doch wurde es danach heftig. Der einzige Unterschied: Das Gespräch fand auf Arabisch statt.

Polizei hat 80 Hassbotschaften ausgewertet

Nach seiner Darstellung sollen sich Clan-Mitglieder am 24. April in Essen getroffen und beschlossen haben, hart gegen ihn vorzugehen. Sie verfassten Sprachnachrichten und schickten sie über soziale Medien, wie Facebook.

Das Berliner Landeskriminalamt (LKA) hat rund 80 solcher Hassbotschaften ausgewertet. Die Polizei stieß dabei auf mehr oder minder unverhüllte Morddrohungen. Darunter war etwa die Aufforderung: „Überall, wo ihr ihn findet, seid mit ihm gnadenlos.“

Seit gut zwei Wochen hat sich Ghadbans Leben völlig verändert. Wenn er zu öffentlichen Terminen möchte, muss er dies bei der Polizei anmelden – damit Beamte ihn begleiten können.

Aber, sagt er: „Auch wenn mein Leben nicht mehr so wie früher ist, lasse ich mich nicht mundtot machen.“ Ghadban weiß, dass viele, die solche Repressionen erleben, sich zurückziehen. Diesen Beispielen will er nicht folgen.

„Öffentlichkeit bedeutet für mich Sicherheit“, sagt er. Während des Besuchs klingelt immer wieder das Telefon. Fernseh- und Radiosender rufen an.

Ghadban kam 1972 in die Bundesrepublik. Er besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit und leitete die Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks in Berlin und hatte als Anstaltsbeirat der Justizvollzugsanstalt Tegel Kontakt zu vielen Clanmitgliedern. Deutliche Worte scheut er nicht.

Neutralität wird als Provokation empfunden

Ghadban gehört zu einer Gruppe, die im vergangenen Jahr anlässlich der vierten Deutschen Islamkonferenz die „Initiative säkularer Islam“ gründete. Unter Säkularität versteht sie die Neutralität des Staates und setzt sich für eine weitgehende Trennung von Religion und Politik ein. Ein totalitäres Religionsverständnis und den teils zunehmenden Islamismus lehnt die Gruppe ab.

Manch einer empfindet schon das als Provokation. Es ist wohl kein Zufall, dass die Hälfte der insgesamt zehn Initiatoren mittlerweile unter Polizeischutz steht: Außer Ghadban sind dies der Politologe Hamed Abdel-Samad, die Anwältin Seyran Ates, der Psychologe Ahmad Mansour sowie der Grünen-Politiker Cem Özdemir – wie hier später noch ausführlich beschrieben wird.

Kritik am Islam und an islamisch geprägten Staaten kann selbst in Deutschland gefährlich sein.

In Berlin trauen sich kriminelle Großfamilien nach Angaben des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mittlerweile sogar, LKA-Beamte einzuschüchtern. Reifen von Dienst- und Privatfahrzeugen wurden aufgeschlitzt. Außerdem mussten Staatsanwälte Personenschutz erhalten.

„Das Phänomen der Einschüchterung oder Bedrohung ist nicht gänzlich neu. Aber die Schärfe hat sich in einigen Fällen schon erheblich gesteigert“, sagt der BDK-Bundesvorsitzende Sebastian Fiedler. Die Opfer solcher Bedrohungen brauchten den besten Schutz der Sicherheitsbehörden: „Die Täter verdienen nur eines: einen freien Haftplatz.“

Ghadban, der den Zorn der Clans auf sich zieht, hat drei Strafanzeigen gestellt. „Es ist schon eine neue Qualität, dass wir als diejenigen, die aufklären wollen, jetzt verfolgt werden.“ Ihn erstaunt, mit welcher Dreistigkeit dies geschieht. Er vermutet, dass er diesen Umstand der „Familien Union“ zu verdanken hat.

Der Verein gründete sich 2008 in Essen. Dort leben etwa 12.000 libanesisch-stämmige Menschen, darunter viele sogenannte Mhallamiye-Kurden. Die „Familien Union“ versteht sich lediglich als Vermittler ihrer Interessen. Doch die Ruhrgebietsstadt geriet wegen Gewalt bei Familienfehden oder Revierkämpfen rivalisierender Clans schon öfter in die Schlagzeilen.

Der Fall Ghadban alarmiert Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen. Der CDU-Politiker hat die „Familien Union“ öffentlich aufgefordert, sich von den Hassbotschaften zu distanzieren. Der Vereinsvorstand jedoch erklärt in einem offenen Brief, man habe Ghabdban weder bedroht noch seine Mitglieder dazu aufgefordert, Drohungen auszusprechen.

Dann aber kommt das Aber. Ghadbans Auftritt im TV habe für Entsetzen gesorgt. Seine Aussagen, die Clans mit Drogenhandel und Raub in Verbindung bringen, seien eine „reine Provokation“, die die Gesellschaft spalten würden.

Dass die andere Seite jetzt „übermütig“ würde, wie Ghadban es nennt, liege an der „Multikulti-Ideologie“, die jahrzehntelang vorgeherrscht habe. Man wollte Minderheiten auf keinen Fall stigmatisieren und habe gedacht, wenn man Clan-Mitglieder umarme, blieben sie friedlich.

„Aber das hat nicht geklappt. Unser Staat hat sich blind gemacht“, sagt Ghadban. Es habe einen Unwillen gegeben, etwas zu tun. Was jetzt passiere, sei ein „Clan-Aufstand“. Den Polizeischutz wird er wohl noch längere Zeit benötigen.