Baustellen bleiben absurd lange, Verkehrsadern werden über Monate lahmgelegt: Jeder, der in der Hauptstadt Auto fährt, sieht sich dilettantischer Verkehrspolitik ausgesetzt. Und die neue Absicht der Verkehrssenatorin ist ein bezeichnendes Eingeständnis.

Die Berliner Verkehrssenatorin hat recht. „Wir wollen“, so Regine Günther, „dass die Menschen ihr Auto abschaffen.“ Und dieser Wille ist in Berlin an jeder Straßenecke zu spüren. Dieser Wille wird vom rot-rot-grünen Senat ausgelebt, und jeder, der Auto fahren will oder muss, sieht sich einer dilettantischen Verkehrspolitik ausgesetzt, bei der Baustellen absurd lange andauern und Verkehrsadern über Wochen und Monate wegen minimalinvasiver Eingriffe lahmgelegt werden. Kaum grüne Welle, keine moderne Verkehrslenkung, keine Apps, die den Parkraumsuchverkehr eindämmen.

Autofahren ist in Berlin kein Vergnügen. Das genügt dem Berliner Senat. Ein wirkliches Alternativkonzept gibt es nicht. Der bürgerlich wählende Vorstadtpendler aus dem Südwesten erwartet von diesem Senat sowieso nichts anderes als gemolken, reguliert und veralbert zu werden. Wirklich ärgerlich aber muss dieser Senat für jene Grünwähler sein, die ihre Kinder anständigerweise im Fahrradanhänger von einem urbanen Kiez in den nächsten strampeln. Sie bekommen nahezu nirgendwo eine funktionierende Radweg-Infrastruktur oder eine ansehnliche Verknüpfung von Radparkplätzen und U-Bahnhöfen.

Die Senatorin sitzt auf grünem Ticket im Senat, und viele Bezirke sind mittlerweile dunkelgrün. Auch dort boomen kluge Start-ups und schlaue neue Mobilitätsanbieter. Doch kaum etwas davon läuft in Berlin. Wer die Zukunft einer ökologischen und stadtverträglichen Mobilität und der dazugehörigen Architektur studieren will, reist am besten nach Skandinavien, in die Beneluxländer oder nach Österreich. Berlin ist der säkularprotestantische Vatikan der Gesinnungskirche. Es genügt, das Richtige zu wollen, können muss man es in der deutschen Hauptstadt nicht. Oder nur selten. Der BER ist mittlerweile als Debakel weltberühmt.

Auf absehbare Zeit werden Rot, Dunkelrot und Grün regieren, weil die bürgerliche Opposition ein ähnlicher Gurkenkompott ist wie die Landesregierung. Die Linke versorgt ihre Wähler an der Karl-Marx-Allee und die Leistungsverweigerer in den hippen Kiezen, die mit Milieuschutz und Investorenvertreibung im Bällebad gelassen werden. Die Grünen erfreuen ihre bourgeoisen Wähler mit linker Rhetorik und einer sympathisch pragmatischen Wirtschaftssenatorin. In der SPD überzeugt einzig Innensenator Andreas Geisel.

Wie in allen Wettbewerben mit schwacher Konkurrenz zeigt sich das Elend. Für die urbane Avantgarde, die überall in Berlin, in Unternehmen, Start-ups und in der Zivilgesellschaft zu finden ist, wirkt die aktuelle Verkehrspolitik als Offenbarungseid und Eingeständnis, dass man mehr wohl nicht zu bieten hat.