Mehrere Fälle ausufernder Hochzeitskorsos sorgten zuletzt für Schlagzeilen. Der Chef der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sieht darin eine „Machtdemonstration“. Sozialarbeiter Kazim Erdogan widerspricht – und erklärt die Hintergründe solcher Aktionen.

Auffällige Blumendekorationen zieren die fünf Luxuskarossen, die mit angeschalteter Warnblinkanlage zwischen den Spuren der A3 bei Düsseldorf hin und her kreuzen. Ihre Fahrer tragen festliche Kleidung, während sie offenbar versuchen, sich gegenseitig dabei zu filmen, wie sie die Reifen ihrer Porsches und Audis A8 zum Qualmen bringen. Der Verkehr hinter ihnen kommt erst ins Stocken, dann zum Stehen. Zivilfahnder der Polizei beobachten das Geschehen. Als die mutmaßliche Hochzeitsgesellschaft die Beamten bemerkt, fährt sie schnell wieder an.

Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und Nötigung lauten die Vorwürfe gegen die sieben bislang identifizierten Beteiligten. Es sind junge Männer zwischen 25 und 32 Jahren. Insgesamt werden zehn Personen beschuldigt, aber die Polizei kann nicht alle Wagen stoppen – zwei Porsches flitzen der Polizei davon.

Die kann nur noch die Kennzeichen notieren. Keines der Luxusautos wird von seinem Halter gefahren – wie bei Hochzeiten üblich, sind sie wohl für den besonderen Anlass geliehen. Die Angehaltenen streiten entweder ab, etwas falsch gemacht zu haben, oder sie haben angeblich schon ihre Anwälte kontaktiert. „Gute Anwälte“, lassen sie die Polizisten wissen.

Der Vorfall vom 22. März ist einer von mehreren, über die in letzter Zeit berichtet wurde. Es sind Hochzeitsgesellschaften, die mit ihrem Fahrverhalten den Verkehr gefährden – auch auf Autobahnen, weshalb das Thema nun sogar den Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags beschäftigte. Die Polizei Düsseldorf warnt öffentlich vor solchen „absolut lebensgefährlichen und sinnbefreiten“ Aktionen. Besonders in den Ballungsräumen von Rheinland und Ruhrgebiet ist die Aufmerksamkeit für solche Fälle gestiegen, in denen die Beschuldigten meist türkischen oder auch arabischen Migrationshintergrund haben.

„Wir dürfen das nicht dulden“

Am 1. April meldet die Polizei einen 24-Jährigen, der in Oer-Erkenschwick bei einem Hochzeits-Autokorso auf einer Kreuzung die Reifen durchdrehen und sein Auto im Kreis fahren lässt, der hupt und den Verkehr „massiv behindert“.

Am 30. März rückt die Polizei Ludwigsburg zum Einsatz auf der A81 aus, weil Mitglieder einer Hochzeitsgesellschaft mit mindestens vier teuren Autos die Autobahn blockieren und den entstehenden Stau filmen. Eine ähnliche Situation gibt es laut Polizei Mitte März auf der A40 bei Mülheim/Ruhr.

Am 28. März fährt die Polizei in Essen mit einer Hundertschaft einen Einsatz, weil eine libanesische Hochzeitsgesellschaft sich eine Raserei mit plötzlichen Spurwechseln liefert und auch rote Ampeln überfährt. Zwei junge Fahrer verlieren die Fahrerlaubnis, der Bräutigam muss mit zur Wache, weil er seinen Führerschein vergessen hat.

„Wir dürfen das nicht dulden“, warnt Rainer Wendt. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft sieht in der Entwicklung eine neue Eskalationsstufe – auch wenn keine Statistik geführt wird, die das belegen könnte. Türkische Hochzeitsgesellschaften, die durch die Städte fahren und dabei „hupen wie die Wilden“, kenne er noch aus seiner aktiven Dienstzeit. Manchmal seien sie auch über Rot gefahren, dann schritt die Polizei ein. Das habe es immer schon gegeben.

Aufnahmen von dem Vorfall auf der A3 bei Düsseldorf

„Es war aber nie so wie jetzt, dass beispielsweise eine Autobahn gesperrt wird. Da wird über Lärm hinaus in den Straßenverkehr eingegriffen“, sagt der 62-Jährige. Wenn ein Lkw in ein Stauende donnere, gebe es schnell Tote. „Da macht man sich offensichtlich keine Gedanken drüber.“

Für ihn sehe es so aus, als wenn Staat und Polizei herausgefordert würden. Er spricht von einer „Machtdemonstration“, die anschließend in den sozialen Netzwerken verbreitet würde.

Dass es sich um eine gezielte Provokation handeln soll, dem widerspricht der Psychologe und Sozialarbeiter Kazim Erdogan entschieden. „Warum sollte man gerade an einem Hochzeitstag die Polizei provozieren?“, gibt der 66-jährige Gründer der ersten Selbsthilfegruppe für türkische Männer in Deutschland zu bedenken. Das habe vielmehr mit Freude zu tun, „dass sie davon ausgehen, man drücke ein Auge oder beide zu. Deshalb müssen wir ihnen klarmachen: Es geht uns um das Leben von euch und anderen Menschen, es darf nicht gefährdet werden.“

Türkische Hochzeiten sind speziell

Worin sich Wendt und Erdogan einig sind: Türkische Hochzeiten sind speziell. „Man will nicht nur unter sich feiern, alle sollen sehen: Hier wird geheiratet“, sagt Wendt. Es dürfe aber keinen „kulturellen Rabatt zulasten der Verkehrssicherheit geben“.

Auch Erdogan erinnert an die Tradition in der Türkei und in arabischen Ländern, „wo man früher drei Tage und drei Nächte Hochzeit feierte“ – und sich „richtig austobte“ – allerdings ohne Autos und Autobahnen. „Ein Teil dieses Denkens ist bei uns angekommen.“ Auch heute noch feierten viele mit 800 Gästen und mehr, junge Leute verschuldeten sich bis zum Hals und hofften dann, dass auf der Feier genug Geld geschenkt werde, um am Ende von 40.000 Euro im Minus auf null rauszukommen. Hochzeit sei in den Ländern, aus denen die Vorfahren dieser jungen Menschen kommen, der wertvollste Tag im Leben. „Sie denken, sie hätten totale Narrenfreiheit.“

Trotzdem warnt Erdogan davor, das Problem auf die türkische oder arabische Herkunft der Verkehrssünder zu reduzieren. Jahrelang habe man „nebeneinander, übereinander, gegeneinander“ gelebt und nicht ausreichend kommuniziert. „Nun stellen wir fest, dass immer mehr Leute auf Hochzeitsfeiern das Leben von anderen Menschen und die Sicherheit auf der Straße gefährden.“ Das Problem sei ein altbekanntes, man diskutiere an den Menschen vorbei. Schöne Artikel brächten wenig, wenn sie ganz wenige der Angesprochenen lesen.

Was also tun? Aus rechtlicher Sicht steht die Polizei vor dem Problem, dass es schwierig ist, den Fahrern einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr nachzuweisen. Das wüssten auch die Erwischten, sagt Wendt. „Ihr könnt uns gar nichts“, bekämen die Kollegen vor Ort zu hören. Also endete vieles im Bereich der Ordnungswidrigkeit, Behinderung des fließenden Verkehrs, vielleicht die ein oder andere Gefährdung, Rechtsfahrgebot, solche Dinge. Hinzu käme, dass Richter keine Gruppen verurteilen, sondern Einzelpersonen. Im Nachhinein könne aber kaum einer mehr genau sagen, wer was gemacht hat. „Dann wird das Verfahren eingestellt“, so Wendt.

Erdogan schlägt vor, dass Polizei und junge Männer mit Migrationshintergrund ins direkte Gespräch kommen. Dabei sei es aber falsch, wenn die Polizei direkt von einer Provokation spreche. „Dann hat man im Voraus die ausgebremst, die wir dringend brauchen“, sagt der Träger des Bundesverdienstkreuzes. „Dann haben wir die Türen zugemacht.“

„Lassen Sie uns gemeinsam nach Lösungen suchen“, schlägt Erdogan stattdessen vor und lädt die Polizei in seinen Verein Aufbruch Neukölln in Berlin ein. Dort könnten die Beamten direkt mit den Männern sprechen und sie darüber aufklären, dass sie Menschenleben riskieren.