„Hier gibt‘s Geld für nix“, sagte der Onkel in Berlin – und ganze Familien zogen nach. Es war die Geburtsstunde der arabischen Bandenkriminalität. Unsere Autorin hat mit Clan-Aussteiger Khalil gesprochen, der hier erstmals seine Geschichte erzählt.

Das sind die Bullen, Khalil wusste es gleich, als sie gegen seine Tür hämmerten. Wer sonst kommt unangemeldet um fünf Uhr morgens? Neben ihm schlief seine Frau, sie war im siebten Monat, trug ihr erstes Kind, seinen Sohn. „Aufmachen, sofort!“ Er war kaum auf den Füßen, da flog die Tür schon aus den Angeln, ein Dutzend Männer hinterher, zwei packten ihn, brachten ihn zu Boden, die anderen rissen Schränke und Schubladen auf.

Einer der Polizisten war Türke. Er sprach Deutsch, aber eine Sprache, die er verstand. „Was bist du für ein Mann?“, herrschte der Türke ihn an. „Deine Frau ist schwanger und im Nachthemd, und guck mal, wie viele fremde Männer sie jetzt gesehen haben!“

Er, Sohn eines berüchtigten Clans, der Gangster mit den fettesten Autos auf Kreuzbergs Straßen und Geldbündeln in den Taschen, lag da im Morgengrauen, Hände auf dem Rücken, während ein Spezialeinsatzkommando in seiner Schmutzwäsche wühlte. Seine Frau starrte ihn an, ihre Hände zitterten. Die Frage pochte in seinem Kopf, als sie ihn abführten.

Was bin ich eigentlich für ein Mann?

Heute sieht man es ihm nicht mehr an

Der Mann, der einen Imbiss im Süden Berlins betritt, sieht ein bisschen aus wie Diego Maradona. Sein Gang wippt, unter dem Kapuzenpulli wölbt sich ein Bauch, und so, wie man sich bei Maradona schwer vorstellen kann, dass er mal Leistungssportler war, würde man von ihm nicht unbedingt denken, dass er einen Drogenring aufgebaut und Menschen blutig geprügelt hat. Die Leute begrüßen ihn mit Handschlag, er hat für jeden ein Kompliment parat, sein Lachen steckt an.

In Deutschland ist gerade Clansaison. In Berlin, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gehen Ermittler auf Razzien bei kriminellen Großfamilien. In dieser Woche wurde der Berliner Clanchef Arafat Abou-Chaker in einem Gerichtssaal verhaftet – er war zum ersten Mal schuldig gesprochen worden, in seinem 34. Verfahren.

Spuren seines ersten Lebens: Die Narbe stammt von einem Messerangriff aus seiner Zeit als Türsteher, sagt Khalil

Vor Kurzem hatte der Berliner Senat eine härtere Gangart gegen organisierte Kriminalität angekündigt. Die Behörden wollen nun enger zusammenarbeiten und auch kleinere Straftaten konsequent ahnden. Illegales Vermögen soll eingezogen und ein Aussteiger-Programm entworfen werden. Staatsanwälte und Clan-Anwälte treten in Talkshows auf.

Dass Clanmitglieder selbst sprechen, kommt sehr selten vor. Die Familien bleiben unter sich, halten dicht. Der Mann mit dem Maradona-Charme aber will reden. Weil ihn die Experten aufregen, die seiner Meinung nach keine Ahnung haben. Und weil er glaubt, dass man aus seiner Geschichte etwas lernen kann.

Er ist jetzt Ende dreißig und hat erreicht, was kaum jemand aus seinem Milieu schafft – auch, weil kaum jemand danach strebt: Er hat den Schulabschluss nachgeholt, studiert und einen Beruf gewählt. Als Sozialarbeiter kümmert er sich um junge, kriminelle Männer, wie er selbst mal einer war. Seine Arbeitgeber wissen nichts von seiner Vergangenheit, sie könnte ihn Aufträge kosten. Auch deshalb will er anonym bleiben: Seine Verbrechen sind verjährt, aber viele seiner Verwandten verdienen ihr Geld mit Drogen, Diebstahl oder Betrug. Er will davon erzählen, doch niemanden anschwärzen. „Die Familie geht über alles“, sagt er. Man solle ihn Khalil nennen.

Sein Nachname ist der Polizei bestens bekannt. Khalils Familie gehört der Volksgruppe der Mhallami an, deren Mitglieder hinter den meisten Schlagzeilen über Clan-Kriminalität stecken. Die Mhallami stammen aus der Provinz Mardin in der Südosttürkei, nahe der syrischen Grenze. Sie werden oft als Kurden bezeichnet, sprechen aber einen arabischen Dialekt.

Khalil zeigt ein Bild auf seinem Handy, eine Art Übersicht der wichtigsten Mhallami-Familien: In der Mitte kreuzen sich zwei Sturmgewehre, „Großfamilien“ steht auf Deutsch über den Magazinen, darum gruppieren sich Namen. Al-Zein, Omeirat, Miri und Remmo sind die größten. Drei Mitglieder der Remmos stehen gerade vor Gericht, weil sie eine 100 Kilo schwere Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben sollen.

Khalil erzählt seine Geschichte bei mehreren Treffen, in dem Imbiss, bei sich zu Hause, in den Blocks, in denen seine Drogenkarriere begann. Er zeigt Narben, Fotos und Gerichtsakten, die seine Angaben untermauern. Bei den meisten Taten, sagt er, wurde er nie erwischt, sie sind also nicht in den Akten, seine Informationen dazu nicht nachprüfbar.

Staatsanwälte, die für organisierte Kriminalität in Berlin zuständig sind und ein leitender Mitarbeiter des Landeskriminalamtes, der die Clans seit Jahren verfolgt, halten seine Darstellung jedoch für glaubwürdig. Khalils Biografie sei der „gewöhnliche Lebenslauf“ eines Clanmitglieds. Bis zu ihrem Bruch. Eine solche Wendung, sagen die Ermittler, hätten sie noch nicht erlebt.

Post aus dem Paradies

Seine Familie war vor der Armut aus der Türkei und vor den Massakern aus dem Libanon geflohen. Die Großeltern hatten ihre kargen Dörfer verlassen, um sich in Beirut auf dem Gemüsemarkt zu verdingen. Dann war dort 1975 der Bürgerkrieg ausgebrochen. Auf die Idee mit Deutschland hatte sie ein Bruder der Oma gebracht, der in Berlin wohnte und eine Kassette in den Libanon schickte, die er besprochen hatte, weil er wie die meisten Verwandten weder schreiben noch lesen konnte.

„Kommt her, hier gibt’s Geld für nix!“ rauschte es vom Band. Sie sollten mit der DDR-Linie Interflug von Beirut nach Schönefeld reisen und sich dort für fünf Mark ein Transitvisum besorgen, den Bus zur Friedrichstraße nehmen und dann mit der S-Bahn ins gelobte Land fahren. Er würde sie in West-Berlin in Empfang nehmen und ihnen zeigen, wie man Sozialhilfe beantragt. Mit der Kassette hatte der Großonkel eine Lawine losgetreten. Seine Großeltern, die 13 Onkel und Tanten und schließlich auch seine Eltern folgten den Empfehlungen. Was sie nicht wussten, war, dass man sie auf verschiedene Orte verteilen würde.

Khalil ist in Süddeutschland geboren, Anfang der Achtzigerjahre. Fachwerk und Geranien, 3000 Einwohner, seine Mutter die einzige Frau im Dorf, die Kopftuch trug. Sein Vater war der Einzige aus seiner Familie, der eine Ausbildung hatte. In Beirut war er Teejunge in einem Architekturbüro gewesen, der Chef hatte irgendwie Gefallen an ihm gefunden und ihm alles beigebracht. Aber in Deutschland galten die Zeugnisse aus dem Libanon nichts, deswegen zeichnete der Vater für andere Architekten, die ihre Namen unter seine Entwürfe setzten, sagt Khalil.

Er war schon als Kind ein bisschen kleiner und ein bisschen dicker als seine fünf Geschwister, das hat er vom Vater geerbt, wie die langen Wimpern und unzähmbaren Locken. Zur Grundschule ein Dorf weiter fuhr er mit dem Bus. Die Jungen in den hinteren Reihen stimmten einen Chor an, wenn er einstieg. Allah ist mächtig / Allah ist groß / zwei Meter sechzig und arbeitslos. Khalil setzte sich nach vorne und schwieg.

Es war an Silvester, er gerade zehn Jahre alt geworden, als er zum ersten Mal schoss. Der Vater hatte Besuch von einem Freund bekommen. Um Mitternacht gingen sie in den Garten, die Männer feuerten mit Pistolen in die Sterne. „Hier, jetzt du“, befahl der Vater. Die Waffe wog kalt in seiner Hand, zog ihm eine Gänsehaut aus Neugier und Angst. Der Vater stützte seinen Arm. „Schieß!“ Er drückte ab. Der Knall donnerte durch die Gassen, zerpflückte die Geranien und den Hohn.

Jugendliches Posen: Khalil, damals 15 Jahre alt, mit einer Pistole

Die Kinder dürften keine Angst haben, sie sollten sich verteidigen können, wenn mal was ist, sagte der Vater zu seinem Freund. Der Vater hatte noch den Kopf von drüben, sagt Khalil. In den Sommerferien flogen sie in den Libanon. Das Land bestand aus vielen Felsen und wenigen Bäumen, es gefiel ihm nicht besonders.

Seine Oma erzählte, dass der Vater sie dort früher beschützte, im Bürgerkrieg, als Christen gegen Muslime kämpften. Nachts patrouillierte er mit Gewehr und Patronengürtel vor ihrem Haus und hielt Ausschau nach christlichen Milizen, die in Jeeps kamen. Der Vater selbst sprach nicht darüber. Überhaupt sprach er nicht viel mit ihnen.

Am Ende der Ferien fasste Khalil einen Entschluss: Er würde sich nichts mehr gefallen lassen. Der Erste, der ihn provozierte, würde Schläge bekommen. Als er das nächste Mal in den Schulbus stieg, setzte einer der Jungen wieder an: Allah ist mächtig / Allah ist groß … Er ging nach hinten und schlug ihm mit aller Wucht ins Gesicht. Khalil spürte, wie das Nasenbein unter seiner Faust brach.

Er sagt: Das war das geilste Gefühl ever.

Er hatte jetzt einen Ruf weg. Der Ruf schützte, musste allerdings auch verteidigt werden. Khalil bekam Strafarbeiten, die er nicht machte, er sollte sich bei der Schulleitung melden, das machte er auch nicht. Irgendwann stand der Vizedirektor vor ihm in der Klasse. Wo die Strafarbeiten seien, wollte er wissen. „Hab’ ich vergessen“, antwortete Khalil und grinste. Da schlug der Vizedirektor ihm die Faust auf den Scheitel, zog ihn an den Haaren vor die Tür und haute seinen Kopf gegen die Wand, so heftig, dass er sich in die Hose machte.

Später gab es ein Elterngespräch, der Vater ging nicht hin, die Mutter beschwerte sich, aber sie konnte kein Deutsch, es richtete nichts aus. Das Gerede von Gewaltfreiheit und „du hast Rechte“ und so, ist eh nur ein Bluff, dachte er. Recht hatte immer der Stärkere.

Gesetze? Es gelten die des Stärkeren

Anfang der Neunzigerjahre bekam die Familie acht Papiere mit Bundesadler. Sie waren nun deutsche Staatsbürger und zogen nach Berlin, wo die meisten anderen Verwandten wohnten. In Kreuzberg gab es sogar Moscheen. Jeden Sonntagmorgen ging der Vater zum Gebet, wenn Khalil ihn begleitete, kriegte er einen Döner und fünf Mark. Was ihm in der neuen Stadt als Erstes auffiel, war ein Typ mit fetter Goldkette, der so breit ging. Dem wichen alle aus.

In der Stadt war er umgeben von Verwandten, so vielen, dass er mit den Namen durcheinanderkam. Er lernte Onkel kennen, die gleich alt waren wie er. Hochzeiten, Beschneidungen, Beerdigungen – ständig gab es etwas zu feiern. Die Alten packten immer wieder dieselben Geschichten aus, von den zwei benachbarten Dörfern, aus denen sie ursprünglich stammten und die er nie gesehen hatte.

Die Dörfer lagen am Ende der Türkei und hießen „Drei Pappeln“ und „Unbesiegbar“. Ein Dorf hatte zwei Moscheen, weil zwei Sippen sich zerstritten und eine dann eine neue gebaut hatte. Noch in Berlin wies die Abstammung Freund oder Feind aus. Er hatte Onkel, die eine Knarre mit sich rumtrugen, weil sie Blutrache fürchteten: Vor hundert Jahren hatte einer ihrer Vorfahren einen der anderen umgelegt. Jederzeit konnte Vergeltung drohen. Wir Mhallami geben niemals nach, sagten die Geschichten, die alle das gleiche Ende hatten: Wer Schwäche zeigte, wurde gefressen.

Auf der Hochzeit eines Onkels brach Streit aus, weil die Brautmutter seiner Familie vorwarf, bei den Geschenken gegeizt zu haben. Er sah zu, wie sich plötzlich alle Männer schlugen, sogar die Alten hauten mit. In diesem Moment begriff Khalil, dass diese Leute auch hinter ihm stehen würden.

Die schwerste von allen: Die Königskette war für ihn Ausdruck seiner Macht

An seinem ersten Tag auf der weiterführenden Schule gab es eine Schneeballschlacht auf dem Pausenhof. Ein Wurf streifte seinen Ärmel, da schnappte er sich den Anführer und rieb ihm eine Ladung Schnee ins Gesicht. So wurde er der Chef der Schule.

Er prügelte sich, bedrohte Mitschüler mit einem Messer, spuckte auf seinen Lehrer. Als ein kleiner Palästinenser zu ihm gelaufen kam und erzählte, ein deutscher Junge habe ihn geschlagen, gingen er und ein Cousin gleich zu dem hin. Der Cousin hielt dem Deutschen eine Gaspistole an den Kopf und sagte: „Ab heute gelten hier andere Gesetze.“ Ihre Gesetze. Bezog einer von ihnen Schläge, rückten Brüder und Cousins an, um ihn zu rächen.

Mit 14 stand Khalil das erste Mal wegen gefährlicher Körperverletzung vor einem Jugendgericht. Der Richter thronte über ihm, er fühlte sich klein. Aber das Verfahren war ein Witz. Er kriegte eine Ermahnung, mehr nicht. Pillepalle, dachte er: Der Richter war auch nur ein Lutscher.

Er gelte seine Locken zurück und ließ sich einen Schnurrbart stehen, genau wie sein jüngerer Bruder, ein Onkel und ein Cousin – seine Gang. Tagsüber hingen sie im Freibad ab oder trainierten sich Muskeln an, nachts strichen sie über den Ku’damm. Die wilden Neunziger: In einer Dönerbude klauten sie Süßstoff und vertickten ihn den Ossis in der Technodisco als Ecstasy-Pillen. Irgendwann sprach sich zwar rum, dass sie nur Mist verkauften, aber es traute sich auch keiner, sein Geld zurückzufordern.

Den Vater begleitete er sonntags nicht mehr in die Moschee, er hatte jetzt zu tun: Ein Cousin hatte ihm einen Job an der Tür einer türkischen Disco besorgt. Der Chef wollte keine Albaner in seinem Laden. Einer, den er abgewiesen hatte, kam zurück und kaum hatte Khalil sich versehen, steckte ein Messer in seiner Brust.

An der Tür lernte er, Leute zu unterscheiden: Es gab die, deren Lippen beim Sprechen wackelten, weil sie voller Adrenalin pumpten – das waren die Ungefährlichen. Und es gab welche, die redeten völlig ruhig, ohne jede Emotion – das waren die Gefährlichen, die kamen wieder.

Der Junge am Teich war einer, der nicht wiederkommen würde, das spürte er bei der ersten Begegnung. In der Nähe ihrer Wohnblocks gab es damals einen chemiegrünen See, an dem ein kleiner Türke Gras und Hasch verkaufte. Sie wussten, dass er niemanden hinter sich hatte, und so quatschten sie ihn eines Abends an, ob er mit Feiern kommen wolle. Noch auf dem Weg schlugen sie den Jungen so heftig zusammen, dass er nur noch kriechen konnte und nahmen ihm all sein Geld und die Drogen ab. Das wurde ihr Startkapital.

Es war ganz einfach: Am nächsten Tag standen sie am Teich, und die Leute wussten, dass sie übernommen hatten. Mit ihrer Familie wollte sich niemand anlegen.

Als er 16 und zweimal sitzen geblieben war, verließ Khalil die Schule ohne Abschluss. Wozu man Zeugnisse brauchte, wusste eh keiner von ihnen. Viele seiner Verwandten waren in Deutschland nur geduldet und kriegten keine Arbeitserlaubnis – aber Sozialhilfe. Und die wenigen, die er kannte, die Zeugnisse und eine Arbeitserlaubnis hatten, bekamen trotzdem nur schlechte Jobs. Er hatte jetzt schon mehr Geld in der Tasche, als sein Vater auf dem Bau verdiente.

Ein Opfer ist, wer den Blick senkt

Im Sommer standen sie am Teich, im Winter auf der Wärmefläche, so nannten sie die Gitter im Hof, aus denen warme Abluft strömte. Khalils kleiner Bruder kannte den kleinen Bruder eines libanesischen Dealers, bei dem sie Nachschub besorgen konnten. Auch der Mann einer Cousine dealte. Von ihm bekamen sie ihr erstes Kilo Gras „auf Kombi“.

Das funktionierte so, sagt Khalil: Wenn der Mann eine große Lieferung von 30 Kilo kriegte, wollte er sie nicht lange bei sich liegen haben – falls die Polizei kam. Ein Händler nahm 15 Kilo ab, ein anderer zehn – den Rest gab er ihnen umsonst und sie mussten später nur den Einkaufspreis zurückzahlen. Das Kilo kostete 6500 Mark. Sie verkauften das Gramm für 15. Machte 8500 Mark Gewinn.

An einem Abend kamen er und sein Bruder nach Hause, da saß der Vater in ihrem Zimmer. Er hielt ein Plastiktütchen in die Höhe. „Was kostet das, wenn ich das bei euch kaufe?“ Khalil fiel das Herz in die Magengrube. Der Vater hatte ihren Vorrat unter dem Teppich gefunden, abgepackt zu je einem Gramm, 150 Tütchen. Drogen waren haram, eine Sünde, das wusste jedes Kind.

„WAS KOSTET DAS???“ Er hielt dem Blick des Vaters nicht stand, senkte den Kopf und schwieg. Sein Bruder ging als Erster unter den Schlägen nieder.

Vor dem Vater schämte er sich, aber die Scham saß zu Hause, er war auf der Straße. Und da war er nun der Typ mit der fetten Goldkette, der so breit ging. Er hatte sich das massivste Modell gekauft, das Königskette hieß. Die Leute senkten den Blick, wenn er sie anguckte.

Der Vater fuhr jetzt oft am Teich entlang und hielt nach ihnen Ausschau, das vergraulte die Kunden. Sie traten ihr Revier für ein Kilo Hasch an ein paar Jungen ab und verkauften fortan nur noch große Mengen weiter an Kleindealer, ein bis zwei Kilo Gras die Woche. Längst hatten sie andere Gelegenheiten für schnelles Geld aufgetan.

Sie hatten damals diesen Spruch, sagt Khalil: Wie erkennt man ein Opfer? Erstens: Wehrt sich nicht. Zweitens: Guckt weg, wenn man es anguckt. Drittens: Wenn man sagt: „Ich fick deine Mutter“, sagt es: „Mach doch!“

Nach ihrer Definition waren die meisten Deutschen Opfer. Zum Beispiel der blonde Junge, der in der Nachbarschaft immer mit seinem Hündchen Gassi ging. Den griffen sie sich und nahmen ihn mit auf Deutschlandtour. Es ist ja so mit EC-Karten: Wenn man ohne PIN, also mit Unterschrift zahlt, checken die Läden immer erst etwas später, dass das Konto schon überzogen ist.

Er will seine Verwandten nicht verraten – deswegen möchte Khalil anonym bleiben

Sie fuhren mit ihrem Opfer die A2 entlang. Hannover, Bielefeld, Dortmund, Bottrop. Der Junge zahlte mit seiner Karte für Parfüm, Klamotten, Lautsprecher, Laptops. Der hatte die Hosen so voll, dass er gar nicht auf die Idee kam, davonzulaufen. Auf dem Rückweg legten sie noch einen kurzen Stopp in Braunschweig ein, wo gerade eine große Trauerfeier von irgendwelchen Verwandten stattfand, da konnten sie gleich schon mal was aus dem Kofferraum verkaufen.

Die Geschäfte liefen gut, aber das Amt meldete sich: Er solle eine berufsvorbereitende Maßnahme machen. Khalil suchte sich ein Praktikum bei einem Spätkauf, bei dem er 400 Mark im Monat verdiente – er fuhr mit einem silbergrauen Jaguar hin, den er für 180 Mark am Tag mietete. Er war zwar noch nicht volljährig, aber hatte sich den Führerschein von einem Onkel geliehen, dem er ähnlich sah. Im Späti lernte er Marcel kennen. Marcel kannte alle Supermärkte ohne Alarmanlage. Busladungen Zigarettenstangen holten sie nachts aus den Lagern und verkauften sie an Cafébesitzer weiter, für drei Mark die Schachtel.

Die Familie war ein weites Netzwerk. Irgendwer kannte immer irgendwen der irgendwas klarmachen konnte, Tipps und Tricks sprachen sich schnell rum. Duki, der Jugoslawe, besorgte ihnen gefälschte belgische Pässe mit jüdischen Namen. Mit den Pässen mieteten sie Wohnungen an, die sie nie betraten – und gaben sie als Meldeadresse aus. Dann besorgten sie sich Kreditkarten, mit denen sie Autos liehen – und nie zurückbrachten.

Die Kreditkarten wurden gesperrt – egal. Die Polizei rückte bei den Wohnungen an – da wohnte niemand, und es gab keine DNA-Spuren. Die Jugoslawen nahmen ihnen einen Audi A8 für 15.000 Euro ab, einen VW Golf für 6000.

So drehten Khalil und seine Jungs ein Ding nach dem anderen. Einbruch, Diebstahl, Betrug – die Möglichkeiten schienen unbegrenzt, sie mussten sie bloß nutzen. Oder wie ihr Held Tony Montana, der Gangster in dem Mafiafilm „Scarface“, sagte: „Diese Stadt ist eine schöne, große Pussy, die nur darauf wartet, gefickt zu werden.“

Wenn sie ein Ding gedreht hatten, tauchten sie erst einmal ab, in dem Freizeitpark „Tropical Island“ in Brandenburg oder in einem Swingerklub, da gab es auch Essen, so ließ es sich ein paar Tage aushalten. Danach wurde gefeiert. Im „Tutti Frutti“ schmissen sie den Stripperinnen Scheine hin, zack, zack, zack, machten sich Joints an und den Frauen Flaschen auf, nahmen Huren mit aufs Zimmer, gingen Steaks essen und luden alle ein.

Ihre Handys waren immer die neuesten, die Lederjacke von Boss, der Pullover von Carlo Colucci. Schuhe trugen sie nie länger als eine Woche. Als Khalil 19 wurde, kauften er und sein Bruder ihren ersten Mercedes.

Prinz und Prinzessin auf goldlackierten Stühlen

„Willst du heiraten?“, fragte die Mutter. Khalil sagte „ja“, eine andere Antwort auf diese Frage kannte er nicht. Jeder in der Familie heiratete – und jeder innerhalb der Familie. Sie legte ein Video von der Heirat eines Onkels ein und drückte nach wenigen Minuten auf Stopp. Auf dem Fernsehschirm flimmerte ein Mädchen im silbernen Kleid, Khalil fand es schön. Sie sei 17 und eine ihrer jüngeren Cousinen, erklärte die Mutter, ein anständiges Mädchen, religiös. Ihre Familie wohnte in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen.

Eine Woche später fuhren sie samt einer Abordnung seiner Familie hin. Die Älteren führten die Gespräche und verhandelten die Höhe der Morgengabe, die seine Seite an die Braut zahlen würde. Khalil und das Mädchen saßen daneben und schwiegen. Als sie spazieren gehen wollten, wurde eine Schwester mitgeschickt. Das Mädchen lächelte. Er kramte in seinem Kopf nach Worten, fand keine passenden, steckte sich stattdessen eine Kippe an. Mit Huren kannte er sich aus, die gehörten für ihn zum Gangsterleben dazu. Mit der Kleinen im Kopftuch wusste er nichts anzufangen.

Beim zweiten Treffen wurden sie verlobt, beim dritten verheiratet. Sie saßen auf goldlackierten Stühlen wie Prinz und Prinzessin, Trommler spielten zum Tanz, Hunderte Gäste machten ihre Aufwartung, schenkten Scheine und Gold. Die Männer feuerten mit ihren Knarren in die Luft; jeder hatte noch eine Gaspistole dabei für den Fall, dass die Polizei kam – dann wurden die vorgezeigt und die echten versteckt.

Khalil fuhr nun öfter mit seiner Frau von Berlin nach Westfalen zum Familienbesuch. Die Frauen tagten in der Küche, die Männer führten sich ihre Autos vor. Mercedes S-Klasse, 7er-BMW – von der Sozialhilfe hatten die Schwager das wohl kaum bezahlt. Irgendwann brach das Eis und sie redeten offen. „Ey krass, ihr macht Gras? Ich auch!“

Khalil am Steuer eines Mercedes in den Neunzigerjahren. Den Führerschein hatte er sich von einem Onkel geliehen

Es stellte sich heraus, dass die Schwager ebenfalls dealten – und nicht nur das: Sie hatten gute Kontakte zu iranischen Bauern, die in Holland Marihuana anbauten. Illegal, versteht sich. Die Grenze war nicht weit.

Jedes Business hat seine Regeln, sagt Khalil. Das Schmuggel-Business läuft ganz oldschool. Die Iraner warteten auf dem Parkplatz eines Baumarktes bei Enschede hinter der Grenze. Er stieg vorne ein, ließ sich eine Probe zeigen und überreichte das Geld, 3400 Euro pro Kilo inklusive Transport.

Dann setzte sich eine Kolonne in Bewegung, drei Autos, in dem mittleren war das Gras. Die ersten beiden waren Kleinwagen mit lokalen Kennzeichen, das dritte ein auffälliges Auto mit deutschem Kennzeichen, das sollte die Polizei ablenken, falls sie in eine Kontrolle gerieten. Khalil fuhr mit Abstand hinterher. An der Landstraße wachten Streckenposten und winkten sie durch. Ein gutes Stück hinter der Grenze dann luden sie die Ware in Khalils Wagen um: zwei Polentüten voller vakuumverpackter Pakete, insgesamt vier Kilo Gras.

Noch am gleichen Tag fuhr er nach Frankfurt, da war das Angebot knapp und die Nachfrage groß – bis zu 8000 Euro konnte er für ein Kilo verlangen. Auch dort hatte er einen Cousin, der ihm half, das Zeug abzusetzen. In wenigen Tagen machten sie rund 18.000 Euro Gewinn.

Und das war erst der Anfang: Khalil hatte in einen Familienzweig eingeheiratet, der international vernetzt war und ihm neue Geschäftsfelder eröffnete. Bei einem dieser Besuche fiel das Wort „Koks“. Es gäbe da einen Verwandten, erzählte ein Onkel, der habe einen umgelegt und sei nach Südamerika geflohen, über den könne er kiloweise Stoff zu schmalen Preisen importieren.

Kokain war eine andere Nummer, hoher Gewinn, aber auch hohe Strafen, mehr Risiko. Khalil dachte nicht lange nach. Letztlich war es doch so, fand er: Er führte ein Unternehmen, und was war das Ziel aller Unternehmen? Den Umsatz steigern.

Das Koks-Business

Gepresstes Kokain, sagt er, sieht aus wie ein Eisberg, durch den ein Riss läuft und jede einzelne Schicht sichtbar macht. Khalil, ein Vertreter der NRW-Verwandtschaft und deren Kontaktmann trafen sich nachts an einer Tankstelle bei Gronau an der holländischen Grenze. Der Kontaktmann überreichte ihm eine Brötchentüte, Khalil leuchtete mit einer Taschenlampe rein: Darin lag ein Block, fünf Zentimeter dick, ein Kilo schwer. Er glitzerte im Licht wie Kristall.

Zurück nach Berlin nahm Khalil den Zug, die Brötchentüte in der Jackentasche. Er würde diese Fahrt nun alle paar Wochen antreten.

Mit seinem Bruder und einem Cousin hatte er in Berlin ein Hotelzimmer angemietet. Dort streckten sie das Kokain so, wie es ihnen ein Bekannter eines befreundeten Clans zeigte. Der Bekannte hatte das von seinem Vater gelernt: Koks zerkleinern und im Verhältnis 50:50 mit Edelweiss-Milchzucker mischen.

Nun musste das Pulver wieder gepresst werden. Das war eigentlich Quatsch, sagt Khalil, aber unter den Kunden hielt sich das Gerücht, dass gutes, also reines Kokain, daran zu erkennen sei, dass es in Krümeln, wie kleine weiße Steine daherkam. Dazu das Gemisch in einen Gefrierbeutel geben und in eine Blechform packen, eine Platte drauflegen, die genau in die Form passt, und das Ganze mit Schraubzwingen fest zusammendrücken. Die Koksplatte aus der Form nehmen, mit einem Hammer in Krümel zerschlagen und in kleine Plastikzylinder abfüllen, zu je 0,6 Gramm.

Sie bauten einen Taxi-Service auf, mit 24 Stunden Erreichbarkeit. Als Vielmieter kriegten sie Rabatt und konnten monatsweise Autos leihen, Opel Corsa, Ford Fiesta – nichts Auffälliges. Bestellungen nahmen sie an einem Prepaid-Handy entgegen. Ihre Stammkunden bekamen die Nummer zuerst, wer Neukunden warb, kriegte eine Kapsel gratis.

Sie benutzten Codes: Die Deutschen bestellten Pizza; die Araber Dujaj, das heißt eigentlich Hühnchen, aber es klingt ein bisschen ähnlich wie dschescho – so nennen die Dealer in „Scarface“ ihr Kokain. Eine Pizza/ein Hühnchen = eine Kapsel Koks. Eine Kapsel kostete 50 Euro. Abzüglich ihrer Ausgaben blieben 30 Euro Gewinn. Im Schnitt verkauften sie 300 Kapseln die Woche, an Feiertagen das Doppelte.

Während das Amt ihnen jeden Monat ein paar Hundert Euro Sozialhilfe überwies, packten sie 100-Euro-Scheine in 3-Liter-Gefrierbeuteln ab, verbuddelten sie im Hinterhof oder versteckten sie im Aufzugschacht. Sie belieferten Firmenchefs, Anwälte, Köche, Zuhälter und Huren. Wenn die Huren kein Geld hatten, bezahlten sie mit ihren Körpern.

Kokain, sagt Khalil, macht aus Menschen Hunde. Manchen schwillt die Nase so an, da geht gar nichts mehr rein, und trotzdem nehmen sie noch eine Kapsel, lecken eine Zigarette an, reiben das Zeug daran und ziehen die Kippe in hastigen Zügen in die Lunge. Andere kochen es mit Ammoniak auf und rauchen es in der Pfeife. An Weihnachten rief ihn eine Mutter an und empfing ihn im Hausflur, während ihre Kinder die Geschenke auspackten.

Manchmal hatte er das Gefühl, dass alles um ihn herum Risse bekam. Er sah nur noch kaputte Leute, selbst Freundschaften zerbrachen an dem Zeug. Ein Gebrauchtwagenhändler, den er oft im Café traf, kokste sich bankrott. Einmal bat er Khalil um eine Kapsel, sagte, er ginge nur kurz rein und hole Tee, dann gebe er ihm das Geld. Der Freund verzog sich durch den Hinterausgang, er hat ihn nie wiedergesehen. Wegen 50 Euro.

Statussymbol: Die Rolex sollte zeigen, wer er ist – und was er sich leisten kann

Eigentlich hatte er sich geschworen, die Finger von der Ware zu lassen. Aber eine Kundin, auf die er scharf war, überredete ihn mal zu probieren. Das Koks machte ihn heiß und schnell. Seine Muskeln spannten an, das Herz schlug pampampam, der Kopf galoppierte. Es ging nur noch geradeaus, wie wenn er mit seinem Mercedes über die Sonnenallee raste. Weiter ziehn, weiter ziehn, weiter ziehn.

Bald war er selbst sein bester Kunde. Die erste Line legte er sich morgens noch vor dem Kaffee. An einem Silvesterabend mieteten er und die Jungs eine Präsidentensuite am Potsdamer Platz, bestellten sich Huren und zogen das Koks pur von ihren nackten Körpern. Khalil blickte über Berlin und fühlte sich wie Tony Montana.

Sie hatten jetzt einen Ruf in der ganzen Stadt. Der Ruf verlangte nach Repräsentation. Wenn er 10.000 Euro machte, kaufte er sich für 8000 eine neue Rolex. Dealer war kein Beruf, zu dem ein Bausparvertrag passte.

„Haram geht immer zu haram“, sagte der Vater

Bei seinen Eltern fuhr er lieber nicht mit dem teuersten Auto vor, das gab nur Sticheleien. Einmal war ein islamischer Gelehrter zu Besuch. „Scheich“, fragte der Vater vor allen Gästen, „was ist wohl die Strafe für jemanden, der sich auf Drogen einlässt?“

Immer wieder erzählte der Vater die Geschichte, wie er im Urlaub mal eine gestohlene Kamera kaufte. Der Fluss trat über die Ufer, sein Auto stand unter Wasser. Als es wieder ablief, versuchte er den Wagen zu starten, und wie durch ein Wunder sprang er wieder an. Aber die Kamera, die im Kofferraum lag, war kaputt. „Haram geht immer zu haram“, schloss er. An sündhaftem Besitz klebt ein Fluch.

In schwachen Augenblicken beschlich Khalil die Ahnung, der Vater könnte recht behalten. So schnell das Geld kam, so schnell ging es auch wieder weg. Alles drehte sich. Koks verkaufen, selber koksen, feiern, kaufen, mehr Koks verkaufen, noch mehr koksen.

Immer wieder fütterten Momente diese Ahnung an, bis sie in seinem Nacken sitzen blieb. Es begann mit dem Morgen, sagt Khalil, an dem das Einsatzkommando sein Schlafzimmer stürmte. Marcel, der Komplize aus dem Späti-Praktikum, war erwischt worden und hatte zwei Einbrüche gestanden, die sie zusammen durchgezogen hatten. „Gemeinschaftlicher Diebstahl in zwei besonders schweren Fällen“, lautete die Anklage.

Khalil nahm sich den teuersten Anwalt, wenn der sich nur bewegte, wollte er schon 7000 Euro. Auf dem Flur vorm Gerichtssaal traf er auf Marcel und packte ihn. „Hör zu: Du gehst da rein und sagst, du kannst dich an nichts erinnern!“ Marcel nickte bleich.

Die Taten lagen schon etwas zurück, da war Khalil noch unter 21. Sein Anwalt plädierte auf Jugendstrafrecht. Er hatte Glück und kam noch einmal mit einer Bewährung davon, ein Jahr und zwei Monate. Jetzt durfte nichts mehr passieren. Doch dann kriegte er einen panischen Anruf von einem Bekannten: „Die Bullen sind bei deinem Bruder!“ Der Bruder hatte ihre Lieferung gelagert. Khalil fiel nichts anderes mehr ein, als zu beten.

Später kam die Entwarnung: Sie hatten nur ein paar Kapseln gefunden, der richtige Stoff war gut versteckt. Er dachte: Das ist ein Zeichen.

Da waren diese ekligen Nächte, die ihn mürbe machten. Ständig musste er die Nase hochziehen, weil er glaubte, dass da noch ein Krümel fest hing. Seine Kiefermuskeln krampften so fest, dass er kaum sprechen konnte. Alles ihn ihm raste, er kam nicht mehr runter. Selbst als sein Sohn geboren wurde, war er unterwegs. Seine Frau stellte keine Fragen, so war sie erzogen, aber sie sah ihn an wie einen Fremden. Wenn er heimkam, schliefen sie und das Kind, nur er lag knallwach, glotzte an die Decke, seine Hände waren kalt, seine Füße waren kalt, er hatte das Gefühl, dass er nur durch die Nase atmen konnte. In diesen Stunden pochte die Frage des türkischen Polizisten, der ihn festnahm, wieder in seinem Kopf: „Was bist du für ein Mann?“

Die Antwort kam ihm, als seine Frau krank wurde und er auf seinen Sohn aufpassen musste. Khalil erinnert sich noch gut an diesen Tag, an dem er ihn mit auf eine Liefertour nahm. Eine Hure hatte kein Geld und fummelte ihm an der Hose rum, mitten auf der Straße.

Er lehnte sich ans Auto und schloss die Augen, da fiel ihm der Kleine auf dem Rücksitz wieder ein. Mann, ist das schäbig, dachte er. Ich bin ein Hund geworden.

Halal, das ist der harte Weg – da lachen sie dich aus

Harkan haute ihn in dieser Zeit ständig an, ein alter Bekannter aus der Schule, sein einziger Freund außerhalb der Familie. „Hör auf mit dem Scheiß. Alter, du hast jetzt ein Kind, was, wenn sie dich erwischen?“ Irgendwann, als Harkan ihn wieder einmal belagerte, fasste er einen Entschluss. Er war 23 und hatte schon so viele Dinger in seinem Leben gedreht. Vielleicht drehte er jetzt mal sein Leben.

Sie beratschlagten. Um legal und trotzdem viel Geld zu verdienen, brauchte man einen guten Beruf. Für einen guten Beruf brauchte man mindestens Abi. Khalils Brüder höhnten: „Willste mit ner Schultüte durch die Gegend laufen?“ – „Das schaffst du doch eh nicht.“ Harkans Eltern wollten, dass er den Abschluss nachholte, aber alleine hat er keinen Bock. Und was, wenn sie das gemeinsam versuchten?

Für die Schule brauchte er sechs Jahre, zwei Anläufe und drei Menschen, die ihn mitzogen. Rechnen konnte er, aber beim Schreiben geriet ihm der Satzbau durcheinander. Die Mittlere Reife schaffte er gerade so. Für die Oberstufe waren seine Noten eigentlich zu schlecht, doch der Direktor gab ihm eine Chance und ließ ihn zu.

Im Leistungskurs wählte Khalil Sozialwissenschaften, da wurde viel geredet, und quatschen konnte er gut. Die Lehrerin bestand darauf, geduzt zu werden. Uschi hatte irgendwie Gefallen an ihm gefunden. Nach dem Unterricht setzte sie sich mit ihm hin und erklärte die Gesellschaftstheorien, die er nicht verstanden hatte. Er mochte Uschi. Im Auto hörte er jetzt Deutschlandfunk, damit konnte er sie in der nächsten Stunde beeindrucken.

Sein Freund Harkan hatte eine Firma für Gartenlandschaftsbau aufgemacht und verschaffte ihm Jobs. Im Winter schippten sie Schnee, im Sommer jäteten sie Unkraut, bevor sie zur Schule fuhren. Nachmittags reinigte er noch Mietwagen und lieferte Pizza aus. Sein Bruder und sein Cousin lieferten weiter Koks aus und lachten über ihn. „Khalil, du hast zu viel gezogen, bist wohl paranoid geworden, was?“

Sein erstes Revier: An diesem Teich im Süden Berlins vertrieben Khalil und seine Leute einen türkischen Dealer und übernahmen die Gegend

Wie er das erklären soll, weiß er bis heute nicht genau, es war mehr so ein Gefühl, sagt er, ein starkes Gefühl: Klar, er machte jetzt viel weniger Geld – aber es war halal, sauberes Geld, und das war viel mehr wert. Daran klebte kein Fluch. Seine Frau war wieder schwanger, und dieses Mal wollte er alles anders machen, etwas aufbauen, das nicht kaputtgeht. Lange hatte er nicht mehr so tief geschlafen.

Auf der Abifeier reichte der Direktor ihm die Hand. „Sie haben unseren Schnitt runtergezogen!“ Er lachte. Khalil lachte mit. 3,1 samt Siegel und Stempel stand auf dem Zeugnis, das er dem Vater präsentierte. Der sagte nicht viel dazu, aber Khalil merkte trotzdem, dass er stolz war.

Es war Ramadan, beim gemeinsamen Fastenbrechen im Haus seiner Eltern stellte der Vater ihn allen Gästen vor. „Und das ist mein Sohn Khalil.“ Ob er schon wisse, was er studieren werde, erkundigte sich einer. Sozialarbeiter seien gerade gefragt – vor allem welche mit Migrationshintergrund.

Der Mann von früher, der Mann von heute

Es gibt zwei Männer, sagt er. Der Mann von früher liegt auf seinem Wohnzimmertisch. Khalil hat alte Fotos herausgekramt: Er und die Jungs auf der Wiese vom Freibad, sie spannen ihre Muskeln an. Er mit Goldkette, er hinter dem Steuer eines dunklen Mercedes. Der Mann von früher trägt eine finstere Miene.

Der von heute lacht über ihn: „Da war ich noch auf meinem Mafia-Film“, sagt er. „Guck mal, wie dicht ich bin.“ Diese Geschichte erzählt zu haben, ist ein Abschluss für ihn. „Wenn man so aus der Vogelperspektive draufschaut, sieht man noch mal, was für ein Wichser man war.“

Doch die zwei Männer sind nicht so einfach zu trennen. Es schwingt eine Note Stolz mit, wenn er erzählt, dass er schon eine „echte Nummer“ war. Khalil genießt, dass er noch immer eine Nummer in der Szene ist, in anderer Funktion, aber mit Ansehen. Sozialarbeiter, die ihn kennen, schätzen seinen Zugang zu arabischen Familien. Arbeitszeugnisse attestieren ihm „ein hohes Einfühlungsvermögen“ und „spezielle interkulturelle sowie interreligiöse Kompetenz“. Die Jungen, die er betreut, sagt Khalil, hören auf ihn, weil sie spüren, dass er sein Wissen nicht nur aus den Büchern hat.

Im Prinzip geht es darum, ihre Geschichten neu zu erzählen. Ein alternatives Ende zu finden, in dem der Stärkere der ist, der sich nicht provozieren lässt, der sich und seine Situation unter Kontrolle hat. Er sagt ihnen: „Wenn dir jemand ‚Hurensohn‘ hinterherruft und du drehst dich um, hast du schon verloren. Dann bist du seine Marionette.“

Die Jungen denken nur im Moment, also rechnet er die Zukunft vor. „Jemand beleidigt dich. Wie reagierst du?“

„Ich schlage ihn.“

Die Jungen zählen Pro-Argumente auf: „Er macht das nicht wieder“; „Ich fühle mich besser“.

Khalil das Contra: Anzeige bei der Polizei; ungewisses Warten bis zum Gerichtsverfahren; Schmerzensgeld. Er zeigt einen Krankenkassen-Bescheid: 4000 Euro musste ein Junge zahlen, nachdem er einen anderen verprügelt hatte. Und dann wägen sie die Argumente gegeneinander ab. Plus: „‚Er macht das nicht wieder‘ – Wie lange hält das an?“

„Eine Woche.“

„Und ‚Ich fühle mich besser‘?“

„Einen Tag.“

Minus: Ungewisses Warten bis zum Gerichtsverfahren – etwa ein Jahr. Dauer, bis man das Schmerzensgeld abbezahlt hat – drei bis fünf Jahre.

Khalil weiß nur zu gut, dass die Rechnung bloß funktioniert, wenn die Strafe auch zieht. Deshalb findet er, dass der Strafrahmen voll ausgeschöpft werden sollte. Und dass man kriminelle Clanmitglieder an ihrem empfindlichsten Punkt treffen muss – dem Status. Die Beschlagnahmung von Vermögen und Immobilien, sagt er, macht Eindruck in der arabischen Szene.

Er würde noch einen Schritt weitergehen und das Kindergeld an den Schulbesuch knüpfen. Das Aussteigerprogramm, das Berlin auflegen will, hält er dagegen für wirkungslos: „Es geht ja hier nicht um irgendeinen Extremismus, um links oder rechts, sondern um Blut.“

Das öffentliche Bild vom Clan, in dem eine Art Pate alle Mitglieder dirigiert, stimmt so nicht, sagt er. Es gibt Väter wie seinen, die sich nicht kümmern oder es nicht schaffen, ihre Söhne von der Straße fernzuhalten. Und es gibt Väter, die das Verbrechen vorleben. Und Mütter, die nach außen sagen, dass Knast Männer macht.

Aber selbst aus solchen Familien sitzen manchmal Eltern bei ihm und flehen ihn an, mit ihren Söhnen zu reden, damit nicht schon wieder die Polizei vor der Tür steht. Diesen Kreislauf, sagt er, kann man nur durch Bildung unterbrechen. Er will dafür ein Beispiel sein.

Khalils Frau bereitet das Abendessen in der Küche vor, zwei Söhne helfen, den Tisch zu decken. Die kleine Tochter kommt ins Wohnzimmer gerannt und präsentiert eine Wollwurst zwischen zwei Stricknadeln. „Guck mal, was ich heute gemacht habe!“ Der Vater gibt ihr ein High five. Mit der anderen Hand deckt er die alten Fotos zu.

Sein Haus ist außen grau und innen ein kleiner Palast. Weißes Ledersofa, Kronleuchter, silberglitzernde Fliesen. Auf der Terrasse steht ein riesiger Grill. Zum Rauchen geht er raus. Eine Etage hat er vermietet, die andere reicht für sie und die Kinder. „Ich schwöre auf ihr Leben“, sagt Khalil zwischen zwei Zügen, „in diesem Haus steckt kein dreckiger Cent.“

Sein Bruder hat das Koks-Taxi aufgegeben, weil ihm das Risiko zu groß wurde, und wieder auf Gras umgesattelt, da sind die Strafen niedriger. Zu Familienfeiern kommt er mit einem 80.000-Euro-Auto. Khalil fährt einen alten Diesel. Sein erster Sohn ist fast volljährig, der begreift natürlich, was seine Onkel so treiben, sagt er. Der Vater sorgt sich, dass der Sohn ihnen nacheifern könnte. Er möchte nicht länger zur Schule gehen und lieber gleich Geld verdienen. Khalil hat ihm ein Praktikum in einer Kfz-Werkstatt besorgt und hofft, dass er eine Ausbildung macht.

Mit seinen Kindern spricht er nicht über seine Vergangenheit. Er denkt, es ist besser so, wenn sie nur den Mann von heute kennen. Aber den von früher wird er nicht los. Als er eines Abends nach Hause kam, trug sein Sohn eine Goldkette um den Hals. Khalil hat sie gleich wiedererkannt, seine alte Königskette. Der Sohn hatte sie in einer Schublade gefunden. Er will sie weitertragen.