Wenn über Gleichberechtigung diskutiert wird, geht es Sängerin Aura Dione viel zu oft darum, dass Männer und Frauen gleich sein sollten. Dabei sei es ein Zeichen feministischer Macht, Männer auch Männer sein zu lassen.

Es es nicht so, dass es Aura Dione leicht fällt, über ihren Liebeskummer zu sprechen. Über die Art und Weise, wie sie von dem Menschen verletzt und beinahe zerstört wurde, den sie am meisten geliebt hat. Auch wenn die Sängerin gerade ein ganzes Album darüber geschrieben hat, mit intimen Details, die schüchterne Menschen schnell erröten lassen könnten.

Während des Gesprächs wirkt die Dänin nicht so selbstbewusst, wie man es von einer Künstlerin mit gleich mehreren Welthits erwarten könnte. 2008 gelang der heute 34-Jährigen mit „I Will Love You Monday“ der Durchbruch, 2011 folgte der noch erfolgreichere Titel „Gironimo“. Danach ließ sie sich über fünf Jahre Zeit für ein neues Album. Warum, das wird in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen.

Als „Can’t Steal the Music“ dann 2017 erschien, wurde es ein Flop. Weder das Album noch eine Single daraus konnten sich in den weltweiten Charts platzieren. So saß sie vor ziemlich genau einem Jahr dann ganz ohne Plattenvertrag im Himalaja in einer Holzhütte. „Ich weinte mir die Augen aus dem Kopf“, erzählt sie rückblickend. Warum? „Weil mein Freund eine andere Frau gef… hat“, so die harte Antwort. Sie packte eine Tasche, nahm ihre Gitarre und reiste weiter nach Nepal.

Über 30 Tage kletterte sie durchs Gebirge, ohne Handyempfang, und wollte erst in die Zivilisation zurück, wenn sie, so sagt sie selbst dazu, wieder „ein vernünftiger Mensch“ war. „Wie viele andere bin ich sonst vor dem Schmerz davongelaufen. Dieses Mal beschäftigte ich mich extrem mit mir selbst. Ich glaube, wir können großes Wissen über uns aus dem Schmerz ziehen“, sagt Aura Dione, die mit bürgerlichem Namen Maria Louise Joensen heißt.

Mit Hippie-Eltern auf Bornholm

Ihre Mutter ist färöisch-französischer, ihr Vater dänisch-spanischer Herkunft. Beide sind Hippies. Die ersten sieben Jahre ihres Lebens verbrachte die Sängerin mit ihnen auf einem Schiff und bereiste die Welt. Kapstadt, Indien, Afghanistan. Immer wieder neue Menschen, neue Eindrücke. Erst als sie in die Schule musste, ließen sich ihre Eltern nieder. Ausgerechnet auf der kleinen dänischen Ostseeinsel Bornholm. Dione hatte viel dunklere Haut und Haare als die anderen Kinder, und volle Lippen. Im Sommer reiste sie noch mit ihren Eltern um die Welt, jetzt stand sie mit Rastazöpfen und Henna-Tattoos in der Grundschule. Sie passte nicht in die Inselgemeinschaft.

„Ich war ein sehr emotionaler junger Mensch und fühlte mich so anders als alle anderen.“ Daher wurde Musik zu so etwas wie ihrer besten Freundin, sagt sie. „Ich musste wohl eine Künstlerin werden, weil das ein Weg für mich war, nicht gemobbt zu werden, wenn ich mit meinen extravaganten Klamotten und meiner Persönlichkeit zur Arbeit gehe.“

Druck spürt Aura Dione nicht: “Ich bin keine Indie-Künstlerin, bei der der Erfolg egal ist. Aber daran messe ich mich nicht.”

Dass ihre Eltern Hippies sind, habe für sie bedeutet, schon früh Verantwortung für sich zu übernehmen und erwachsener zu sein als andere junge Menschen. „Meine Eltern waren viel freier. Ich bin auch frei, aber ich bin auch extrem fokussiert und perfektionistisch“, sagt sie. Ob sie sich heute erwachsen fühlt? „Mein Beruf ist es, meinen Traum zu jagen. Das ist gleichzeitig sehr erwachsen und überhaupt nicht erwachsen.“

Als Teenager war Dione vom Landleben auf Bornholm genervt. Sie wollte zu Tanzkursen, ins Theater, zu Konzerten. Aber sie erinnert sich auch noch, dass sie sich als Kind beschützt fühlte, vom Lärm der Welt bekam sie lange Zeit wenig mit. Sie lebte umgeben von Pferden, Kühen und Hühnern. Wenn sie den Kopf freibekommen wollte, sprang sie einfach in die kalte Ostsee. „Ich konnte länger ein Kind bleiben, weil ich auf dem Land aufgewachsen bin“, sagt sie.

„Viele reden, ohne vorher nachzudenken“

Als Dione mit 20 Jahren dann ihre Musikkarriere startete, saß sie plötzlich bis zu 130 Mal im Jahr im Flugzeug. Oft als einzige Frau in auffällig bunten Kleidern, inmitten all der Männer in ihren dunklen Anzügen, die auf Geschäftsreise waren. Es seien eine Menge Lärm und Emotionen in der modernen Zivilisation, findet Dione. Die Welt wurde damals für sie zu einem stressigen Ort. „Viele Leute reden, ohne vorher nachzudenken. Besonders in der Stadt merken wir oft nicht, wie es uns geht.“ Erst in der Einsamkeit am Fuße des Mount Everest habe sie zu sich gefunden. Sie lernte zu meditieren, 20 Minuten am Morgen und 20 Minuten am Abend. Das macht sie bis heute, jeden Tag.

Nach ein paar Tagen in Nepal nahm sie ihre Akkustikgitarre in die Hand und schrieb den Song „Shania Twain“. Der heißt so, weil deren Song „That Don’t Impress Me Much“ für Dione dort wie eine Therapie wirkte. Diones Lied beschreibt ihren Ausbruch in die Wildnis. An einer Stelle singt sie „You might think I’d go insane but I’m recycling the pain“ (Du magst denken, dass ich gerade verrückt werde, aber ich recycle nur meinen Schmerz). Als sie ihren Schmerz „recycelt“ hatte, rief sie ihr Management an und sagte: „Ich weiß, ich habe gerade keinen Plattenvertrag. Aber ich glaube, ich habe gerade meinen besten Song seit zehn Jahren geschrieben.“

Im Himalaja lernte die Sängerin, sich selbst mehr zu lieben. „Wie viele Leute dachte ich lange, ein Partner sollte wie die passende zweite Hälfte zu einem sein“, sagt sie. „Aber ich habe gelernt, dass es keine zwei Hälften gibt. Man muss für sich selbst komplett sein. Du musst dein eigener bester Freund sein.“

Was war das Besondere an dieser Liebe?

Was aber war so besonders an der Liebe zu dem Mann, der sie betrog und damit ihre Krise auslöste? Das ist eine Frage, über die Dione lange nachdenkt. Dann sagt sie: „Es war wie zwei Seelen, die sich gefunden haben. Als hätte das Universum es vor Jahrzehnten geplant. Es war eine Liebe, die es nicht nur in eins zu einer Million gibt. Sondern nur einmal im Leben.“

Als die ersten Songs für das kommende Album fertig waren, hatte Dione Angst, dass sie eine Hassliebe zu ihren Liedern entwickeln würde. Denn sie versuchte nicht das erste Mal, ihren Liebeskummer mit Musik zu verarbeiten.

Im Jahr 2011 lernte Dione den dänisch-amerikanischen Techmilliardär Janus Friis kennen. Es sei eine Romanze wie ein „Wirbelwind“ gewesen, schnell verlobten sich die beiden. Friis ist Co-Gründer des Online-Kommunikationstools Skype, das er mit seinem Partner Niklas Zennstrom im Jahr 2005 für 2,6 Milliarden Dollar an Ebay verkaufte. Als sich Friis und Dione 2015 trennten, forderte er den Verlobungsring im Wert von 471.000 Dollar und eine Wohnung in Kopenhagen, die er ihr geschenkt hatte, zurück. Weil diese Dinge an eine künftige Eheschließung gebunden waren, wie er sagte. Er warf ihr zudem vor, mehrfach fremdgegangen zu sein.

Die Wut über diese Vorwürfe mündete im Album „Can’t Steal the Music“. „Ich entwickelte eine Art Hassliebe zu den Liedern. Jedes Mal, wenn ich die Lieder spielen musste, tat es weh“, sagt Dione heute. „Ich hatte Angst, dass es mit dem neuen Album genauso wird.“

„Verschließe nicht Dein Herz“

So wurde der Dreh zum Musikvideo für „Shania Twain“ zum Härtetest. Dione musste den Song immer wieder singen, während die Kamera jede Regung ihres Gesichts in Nahaufnahme einfing. Dann kamen ihr die Tränen. Schrecklich sei das gewesen, sagt sie. Am Ende bat sie den Regisseur aber, die Stelle im Video zu lassen. „Ich möchte mich niemals wieder für meine Emotionen entschuldigen müssen“, sagt sie. Heutzutage würde oft nur davon geredet, stark sein zu müssen. „Aber es liegt etwas sehr Befreiendes darin, zusammenzubrechen und zu weinen. Wir lieben Menschen doch genau dann, wenn sie zeigen, dass sie verletzlich sind.“

Bis heute empfindet Dione Musik als harte Industrie, gerade als Frau: „Als Mädchen musst du Musik mehr lieben, als man glauben könnte, um erfolgreich zu sein“, sagt sie. „Denn oft geht es nicht um Musik. Ich saß in Meetings und wurde gefragt, ob ich wirklich Gitarre spielen kann. Ob ich die Songs wirklich selbst geschrieben habe.“ Mittlerweile ist die Sängerin dänische Amnesty-International-Botschafterin für Frauenrechte. In ihren Augen geht es in der Diskussion um Gleichberechtigung noch viel zu oft darum, dass Männer und Frauen gleich sein sollten. Das seien sie aber nicht: „Lasst Männer auch Männer sein! Das ist nicht altmodisch. Es ist ein Zeichen feministischer Macht, das zuzulassen.“

Wenn man Dione fragt, warum sie sich heute für andere engagiert, kommt sie ein letztes Mal auf ihren Liebeskummer im Himalaja zu sprechen. Sie habe eine Reise „from pain to power“ hinter sich, vom Schmerz zur Kraft. Obwohl ihr Liebeskummer sie weg von der Zivilisation und in die Wildnis trieb, habe er sie am Ende dieser Reise den Menschen auch wieder nähergebracht. „Ich könnte in ein Flüchtlingslager gehen, in den Kindergarten zu kleinen Mädchen und Jungen oder ins Altersheim, und jeder würde wissen, wie es sich anfühlt, das Herz gebrochen zu bekommen“, sagt sie.

Ihre Zeit in Nepal nennt Dione ihr tiefstes Tal. Weil sie das überwunden hat, fühlt sie sich heute „unstressbar“. Das bedeutet aber nicht, dass sie immun ist gegen Herzschmerz. „Bei jedem Liebeskummer denkst du, schlimmer kann es nicht werden. Doch dann kommt der Nächste. Und der Nächste, und der Nächste.“ Dione muss laut lachen. „Du musst dich darauf fokussieren, dein Herz nicht zu verschließen. Und nicht bitter oder zynisch werden“, sagt sie.