Die populäre Politikerin will aus gesundheitlichen Gründen auf ihr Amt verzichten. Wer ihre Nachfolge antritt, ist noch nicht absehbar.

Sie war DIE Galionsfigur der Linkspartei, DAS hübsche Gesicht der alten SED-Kader: Sahra Wagenknecht (49). Jetzt schmeißt sie hin. Auf den Tag genau 20 Jahre nach dem Rücktritt ihres heutigen Ehemanns Oskar Lafontaine als SPD-Chef und Finanzminister kündigte Wagenknecht ihren Rückzug als Fraktionschefin der Linken an. Aus der von ihr und Lafontaine gegründeten Bewegung „Aufstehen“ hatte sie sich bereits am Wochenende verabschiedet.

Streit an der Parteispitze hat ihr zugesetzt

Der Grund für den Rücktritt aus der ersten Reihe der Politik: Krankheit, Überlastung, ständiger Streit an der Parteispitze. Aus ihrem Umfeld hört man, Wagenknecht sei die ständigen Attacken aus der Parteispitze leid, verkrafte dies nicht mehr, der Druck sei hoch.

In einer Erklärung an die Bundestagsfraktion berichtet sie selbst von einer „knapp zwei Monate langen Krankheit“. Dies habe sie gezwungen, ihre politische Arbeit ruhen zu lassen: „Inzwischen geht es mir wieder gut. Allerdings hat mir die lange Krankheit, deren Auslöser in erster Linie Stress und Überlastung waren, Grenzen aufgezeigt, die ich in Zukunft nicht mehr überschreiten möchte.“

Ist Sahra Wagenknecht ausgebrannt? Zermürbt im Kampf mit den eigenen Genossen? Schon 2017 hatte sie mit Rücktritt gedroht, sprach von Mobbing durch die Parteispitze um Katja Kipping und Bernd Riexinger. Man raufte sich zusammen, Wagenknecht wurde noch einmal Co-Fraktionschefin an der Seite von Dietmar Bartsch.

Jetzt kündigte sie an, „dass ich bei der in diesem Jahr anstehenden Neuwahl der Fraktionsspitze nicht erneut kandidieren werde“.

Für den linken Flügel der Linkspartei ist das ein herber Rückschlag – erst recht für „Aufstehen“, das nach einem Anfangserfolg monatelang nicht vom Fleck kam. Ohne Wagenknecht fehlt auch hier die Frontfrau, die linke Positionen in Talkshows verbreitet.

Zwischen Wagenknecht und der Parteispitze stand im Kern immer eine Frage: Ist die SPD für die Linke auf Bundesebene koalitionsfähig? Wagenknechts Antwort: Nein! Kipping und Riexinger sahen das pragmatischer, wollten ein Bündnis mit den SPD-Genossen wenigstens ausloten.

So tickt Sahra Wagenknecht

Wagenknecht, streitbar und streitlustig! Quer liegt sie schon in ihrer Jugend in Jena: In der DDR wird ihr nach dem Abitur 1988 ein Studium verweigert. Begründung: „nicht genügend aufgeschlossen fürs Kollektiv“ – sie hatte Kritik an der paramilitärischen Ausbildung an DDR-Schulen geäußert.

Ihr Körper reagiert heftig: Sie kann nichts mehr essen. Die DDR-Führung macht daraus „einen politisch motivierten Hungerstreik“.

Bis zur Wende schlägt sie sich als Nachhilfe-Lehrerin (Mathe, Russisch) durch. 1991 wird sie bereits Führungsmitglied der später als verfassungsfeindlich eingestuften „Kommunistischen Plattform“ der SED-Nachfolgepartei PDS. Optisch an Rosa Luxemburg erinnernd, wird Wagenknecht neben dem redegewandten Gregor Gysi das telegene Gesicht für die alte, neue SED.

Ihr privates Glück findet die Linken-Frontfrau aus der DDR tief im Westen: Kurz vor Weihnachten 2014 heiratet sie den ehemaligen Regierungschef des Saarlandes, Oskar Lafontaine – heimlich in dessen Heimat Merzig (wo beide heute leben). Die Beziehung der beiden: das Symbol für die Linkspartei, den Zusammenschluss der alten DDR-SED mit der westlinken WASG.

Wagenknecht wirkte danach milder, blieb aber stramm links, besuchte etwa demonstrativ die „Luxemburg-Konferenz“ der linksradikalen Zeitung „junge welt“.

Nun eine Vollbremsung! Für die Partei zur Unzeit. Sevim Dagdelen (43), Vize-Chefin der Bundestagsfraktion: „Das ist für Die Linke eine Zäsur. Sahra ist die populärste Linke in diesem Land.“ Immerhin wolle „Sahra weiterhin wahlkämpfen“.

Das ist auch bitter nötig. Im Mai sind Europawahlen – und im Herbst wird in „ihrem“ Osten gewählt: Thüringen, Sachsen, Brandenburg. Überall droht die AfD der Linken den Rang abzulaufen. In Thüringen bedroht sie den ersten linken Ministerpräsidenten Deutschlands, Bodo Ramelow. Der regiert seit Ende 2014 mit einer rot-rot-grünen Koalition. Einer Farb-Kombination, der Wagenknecht nicht viel abgewinnen konnte.

Ramelow sagte über den Rückzug Wagenknechts: „Ich habe über all die Jahre gut und konstruktiv mit Frau Wagenknecht zusammengearbeitet. Wenn sie sich nun unter Verweis auf ihre Gesundheit aus der Fraktionsspitze zurückzieht, dann habe ich dafür tiefen Respekt.“ Er freue sich, dass Wagenknecht „unserem linken Projekt“ erhalten bleibe.

„Eine gebildete und meinungsstarke Politikerin“

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner sieht nun größere Chancen für Bündnisse zwischen Sozialdemokraten und Linken. „Eine personelle Neuorientierung an der Spitze der Bundestagsfraktion der Linkspartei erleichtert es möglicherweise in der Zukunft, die Potenziale für eine progressive Regierungskoalition diesseits der Union auch zu realisieren“, sagte Stegner. „Diese Option war mit Sahra Wagenknecht an der Spitze immer eher theoretischer Natur.“

Die Vizechefin der Linksfraktion im Bundestag, Sevim Dagdelen, sieht keine verbesserten Chancen für ein mögliches linkes Bündnis. „Eine progressive Politik im Bundestag, wofür es lange eine Mehrheit gegeben hat, scheiterte bisher immer an der SPD“, sagte Dagdelen. „Wer mit Gregor Gysi nicht willens war, Hartz IV abzuschaffen, Kriegseinsätze zu beenden und abzurüsten, wird es vermutlich auch in Zukunft nicht wollen.“

Auch aus anderen Parteien gab es bereits Reaktionen. FDP-Chef Christian Lindner twitterte: „Mit Sahra Wagenknecht teile ich kaum eine Meinung, aber eine gebildete und meinungsstarke Politikerin ist Frau Wagenknecht.“ Das halte die Demokratie lebendig. „Also Respekt vor der Entscheidung, und für die Gesundheit wünsche ich alles Gute.“

Die Nachricht über Wagenknechts Rückzug fällt auf einen geschichtsträchtigen Tag. Vor genau 20 Jahren, am 11. März 1999, war ihr Ehemann Oskar Lafontaine als Finanzminister und SPD-Chef zurückgetreten.

Wagenknecht. aus Jena stammende Tochter einer Deutschen und eines Iraners, eckte schon als junge Frau in der DDR an, durfte damals nicht studieren. Nach der Wende holte sie das unter anderem in Groningen nach. Als Volkswirtin erwarb sie den Doktortitel. Noch heute wird Wagenknecht immer wieder an ihre Zeit als Vertreterin der „Kommunistischen Plattform“ der Linken erinnert, auch wenn sie viel von der damaligen Schärfe abgelegt hat.

Nach dem Aufstieg in der Partei ließ sie ihre Mitgliedschaft in der Gruppierung ruhen. Was geblieben ist: Wagenknecht will einen Gegenentwurf zu dem, was sie als „Kapitalismus“ und „Neoliberalismus“ kritisiert.

Die Wucht, mit der sie ihre Thesen für ein sozial gerechteres Deutschland vorträgt, bringt ihr viel Aufmerksamkeit. In Talkshows ist sie gefragt, auf Facebook hat sie Hunderttausende Likes, und als Rednerin kann Wagenknecht ganze Hallen für sich einnehmen. Nicht nur wegen ihrer gekonnten Rhetorik – sondern weil sie kompetent wirkt.

Wagenknecht polarisiert und fasziniert gleichermaßen. Das nötigt selbst Politik-Urgesteinen wie Peter Gauweiler Respekt ab. Beeindruckt von Wagenknechts ökonomischem Sachverstand, lobte der CSUler einst ihre analytischen Fähigkeiten in ihrem Buch „Freiheit statt Kapitalismus“. „Das ist alles sehr lesenswert“, sagte Gauweiler vor sechs Jahren.