Die Regierung will die Zahl der Organspenden erhöhen, indem sie Krankenhäuser besser ausstattet. Werden auf den Intensivstationen nicht alle möglichen Spender erkannt?

Wenn nichts mehr dazwischenkommt in Berlin, dann kann man heute schon sagen, dass einer wie Sebastian Weiterer seiner Zeit voraus ist – zumindest um ein paar Monate. Das würde der Heidelberger Anästhesist vom Rang eines Oberarztes natürlich so nicht stehen lassen, er wirkt dafür viel zu bescheiden, wahrscheinlich würde er sogar heftig widersprechen, fürs Protokoll, und dann so etwas sagen wie: Man tut halt, was man kann. Weiterer ist Transplantationsbeauftragter der Heidelberger Uniklinik, und als solcher ist er nicht mehr allein unterwegs von Abteilung zu Abteilung, wie es in Heidelberg lange war und wie es in etlichen Krankenhäusern noch immer üblich ist, sondern der Koordinator von fast einem Dutzend Kollegen, die sich auf den zahlreichen Intensivstationen um das sensible Thema kümmern sollen. Ähnlich so, wie es der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der an diesem Freitag erstmals im Bundesrat debattiert wird, im Falle seiner Verabschiedung für alle Kliniken im Land vorsieht. Und so steht Weiterer im kleinen Hörsaal der Chirurgischen Klinik und sagt: „Es ist viel geschickter, wenn man an jedem Standort einen Ansprechpartner hat. Dieses System bauen wir gerade auf.“

Die Organspende ist eines der wesentlichen Themen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), er nannte es kürzlich seinen „Leitgedanken“, dass die Zahl der Spender steigt. Der Satz fiel vor gut zwei Wochen im Bundestag. Die Abgeordneten kamen dort zusammen, um über den Vorschlag Spahns zu reden, die derzeitige Entscheidungslösung durch eine Widerspruchslösung zu ersetzen – es soll also jeder automatisch zum potentiellen Organspender werden, sofern er dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat und auch die Angehörigen keine Einwände haben; bislang ist eine ausdrückliche Einwilligung die zwingende Voraussetzung für eine spätere Organentnahme. Diese Debatte wurde vor allem entlang ethischer Linien geführt und ließ ein anderes Vorhaben aus dem Gesundheitsministerium in den Hintergrund treten.

Bereits Ende Oktober hat das Kabinett den Entwurf für ein „Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“ (GZSO) gebilligt, an diesem Freitag berät ihn die Länderkammer, im neuen Jahr folgt der Bundestag. Der Entwurf zielt auf die Arbeitsabläufe in den Kliniken ab und wurde darum von einer breiteren Öffentlichkeit bislang kaum bemerkt. Mit dem Gesetz sollen die Transplantationsbeauftragten gestärkt werden, für jede Intensivstation in einem Krankenhaus soll es einen eigenen geben, diese sollen dann nach einem festen Schlüssel für die Betreuung von möglichen Organspendern freigestellt werden, eine Vollzeitstelle je 100 Intensivbetten. Schließlich soll es mehr Geld geben, derzeit bekommt ein Krankenhaus etwa 5.000 Euro, wenn einem Patienten mehrere Organe entnommen werden. Die Reform wirft die Frage auf, ob das Problem bei der Organspende vielleicht weniger bei den Bürgern liegt, sondern eher bei den Kliniken und ihrer Fähigkeit, mögliche Spender rechtzeitig zu erkennen und entsprechend zu betreuen.

Im vergangenen Jahr wurden bei bundesweit nur 797 Menschen, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, eines oder mehrere Organe entnommen – im Durchschnitt konnten knapp 3,3 Organe je Spender verpflanzt werden. Zugleich warteten am Jahresende 10101 Patienten auf ein Spenderorgan. Viele sterben an Herzschwäche, Leberversagen und einem Ausfall der Nieren, ehe ein passendes Organ für sie gefunden werden kann – nach Angaben des Ministers kommt alle acht Stunden für einen Wartenden jede Hilfe zu spät. Zugleich, und das ist auf den ersten Blick das Paradoxe, geben die Deutschen in Umfragen zu erkennen, dass sie sich durchaus vorstellen können, nach dem Tod Nieren, Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse und Darm entnehmen zu lassen. Laut einer Studie, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Auftrag gegeben wurde, stehen 84 Prozent der Organspende insgesamt „eher positiv“ gegenüber. Darüber hinaus gaben 56 Prozent an, eine Entscheidung zur Organspende getroffen zu haben – von ihnen wiederum stimmten fast drei von vier Befragten einer Organentnahme zu. Eigentlich sollte der Fehlbetrag an Organen also wesentlich kleiner sein, schließlich sterben jedes Jahr in Deutschland fast 100000 Menschen, auch wenn nur ein kleiner Teil von ihnen die strikten Kriterien für eine Spende erfüllt. Wo also liegt denn nun eigentlich das Problem?

Die Suche nach einer Antwort führt in das Büro von Axel Rahmel. Der Kardiologe ist medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt, sie ist die bundesweite Koordinierungsstelle und in jeden Prozess der Organentnahme involviert. Vor allem aber verfügt die Stiftung über umfangreiche Zahlen. Von den 1254 Krankenhäusern, die bundesweit die medizinischen Voraussetzungen für Organspenden erfüllen, wandten sich im vergangenen Jahr nur 549 Häuser mit der Meldung eines möglichen Spenders an die DSO. Dazu muss man wissen, dass Ärzte meist schon recht früh die Stiftung anrufen und den Fall besprechen; oft wird erst danach klar, ob der Schwerstkranke einer Spende zugestimmt hat oder andere Erkrankungen dem entgegenstehen. Bei lediglich 292 Kliniken kam es im vergangenen Jahr zu mindestens einer Organentnahme – den höchsten Wert verzeichnete das Klinikum Rechts der Isar in München mit 17 Spendern, gefolgt von der Uniklinik Freiburg und dem Klinikum Kassel mit jeweils 14 und dem Klinikum Stuttgart mit 13 Spendern. Unter der Leitung von Sebastian Weiterer verzeichnete man in Heidelberg sechs Spender, das ist in der Gruppe der Unikliniken Mittelfeld. Solche Unterschiede, sagt Rahmel, „können Zufall sein oder das Ergebnis besonderer Bemühungen“. Er will diesen Satz bewusst nicht auf einzelne Häuser bezogen wissen, sondern ganz allgemein. Trotz der natürlichen Schwankungen von Jahr zu Jahr, die sich aufgrund der kleinen Zahl der Spender stark auf das Ergebnis auswirken können, sieht Rahmel „systematische Unterschiede“ zwischen einzelnen Kliniken.

Um das zu verstehen, muss man die Daten noch feiner untersuchen. Die Stiftung unterscheidet drei Kategorien von Krankenhäusern, nämlich Unikliniken, Krankenhäuser mit einer Fachabteilung für Neurochirurgie sowie solche ohne Neurochirurgie. Die Aufteilung ergibt Sinn, da nur Menschen mit schweren Kopfverletzungen als Organspender in Frage kommen. Der unumkehrbare Ausfall der Hirnfunktionen ist eine Voraussetzung für eine Spende, zudem müssen die übrigen Organe noch intakt sein – diese Kombination ist am ehesten bei Schlaganfallpatienten und manchen Unfallopfern gegeben.

Von allen zugelassenen Krankenhäusern machte die Gruppe der 35 Unikliniken gerade einmal drei Prozent aus, doch auf sie entfielen 34 Prozent aller Organspenden. Jedes zehnte Krankenhaus fiel in die zweite Gruppe der Kliniken mit Neurochirurgie, sie trugen zu 43 Prozent der Spenden bei. Die übrigen Häuser, 87 Prozent der Gesamtheit, lieferten hingegen nur 23Prozent der Spender. Bei den meisten Kliniken der dritten Kategorie kommen nach Meinung von Fachleuten aber nur wenige Patienten an, die sich aus medizinischer Sicht als Spender eignen könnten; diese würden vom Notarzt oft gleich in spezialisierte Häuser der ersten beiden Kategorien gebracht, weil es ohne Hirnchirurgen meist nicht geht. Bei diesen spezialisierten Krankenhäusern – zusammen sind es 156 bundesweit – sieht Rahmel darum noch Potentiale, um mehr Organspender ausfindig zu machen. Der DSO-Chef sagt, es gehe ihm in erster Linie darum, den Willen der Menschen zu respektieren, ob diese nun spenden wollen oder nicht. Rahmel ist überzeugt: „Wenn es uns gelingt, jeden Organspendewunsch umzusetzen, dann steigt die Zahl der Organspender.“

Wie groß das ungenutzte Potential auf deutschen Intensivstationen ist, hat kürzlich eine Gruppe von Ärzten in einem Aufsatz herauszufinden versucht, der erst vor wenigen Tagen in der Fachzeitschrift „Anästhesist“ erschienen ist. Sie konnten auf die Daten der DSO in ostdeutschen Krankenhäusern zugreifen, dort wurden alle 7889 Todesfälle des Jahres 2016 untersucht, bei denen die Ärzte zuvor eine Hirnschädigung festgestellt hatten. Nachdem die Forscher alle Fälle aussortiert haben, die entweder schon zur weiteren Abklärung an die DSO gemeldet wurden oder bei denen eine Spende wegen mangelnder Zustimmung oder aufgrund einer Erkrankung ausgeschlossen war, blieben genau 500 Todesfälle übrig. Bei 232 Fällen wurde die für eine Organspende nötige Hirntoddiagnostik gar nicht erst begonnen, da eine Patientenverfügung eine intensivmedizinische Behandlung in Teilen untersagte. Die Forscher wissen aus Erfahrung, dass Verfügungen oft widersprüchlich sind; manche Patienten stimmen zum Beispiel einer Organspende zu, aber keiner unnötigen künstlichen Beatmung am Lebensende – nur wann ist eine Beatmung unnötig? In solchen Fällen verzichten Ärzte oft darauf, den Organspendeprozess einzuleiten, sicher ist sicher, dabei könnten nach Schätzung der Autoren etwa 30 Spender aus dieser Gruppe gewonnen werden, deren erklärter Wille es war, ihre Organe abzugeben.

Möglichkeit der Organspende bleibt unerwähnt

In weiteren 195 Fällen vereinbarten die behandelnden Ärzte gemeinsam mit den Angehörigen eines Patienten, bei dem keine Aussicht auf Erholung bestand, dass die Maschinen abgestellt werden, ohne vorher die Möglichkeit einer Organspende überhaupt anzusprechen – auch das könne noch einmal 25 Spenden ermöglichen, heißt es. Schließlich wurde die Hirntoddiagnostik in 73 Fällen nicht begonnen, obwohl sonst alles dafür sprach; das macht noch einmal etwa 24 mögliche Spender zusätzlich. In der Summe stehen den 121 umgesetzten Organspenden in den untersuchten ostdeutschen Kliniken also 79 Spenden gegenüber, die möglich gewesen wären, aber nicht verwirklicht wurden – das ergibt eine geschätzte Steigerung um 65 Prozent. Auf ganz Deutschland hochgerechnet, könnte die Zahl der Organspender so von 797 auf 1.315 steigen, die Zahl der entnommenen Organe von 2.494 auf 4.278 klettern – wenn die Berechnungen stimmen, wohlgemerkt.

An dieser Stelle sieht Rahmel die Chance, dass das neue Gesetz aus dem Gesundheitsministerium den Kliniken dabei hilft, mehr Organspender als solche zu erkennen. „Da steckt nicht mehr dahinter, als daran zu denken, nachzufragen und gegebenenfalls die Diagnostik einzuleiten“, sagt er. In Heidelberg schätzt Koordinator Sebastian Weiterer, dass seine Kollegen bereits fast alle möglichen Spender auch als solche erkennen. Doch ist ein weiterer Kulturwandel auch aus der Sicht des Intensivmediziners angezeigt. Da sei es auch nicht sinnvoll, einen Arzt zum Beispiel jeden Dienstag für fünf Stunden für das Thema freizustellen – das müsse passieren, wenn ein geeigneter Patient auf der Intensivstation liegt. „Wichtig ist, dass die Kollegen dann Zeit haben“, sagt Weiterer.