Die Armut wohnt am häufigsten im Ruhrgebiet. Es gilt als Schmuddelkind der alten Bundesländer. Manche nennen es gar den neuen Osten. Besteht Hoffnung für den schwächelnden Riesen? Mitten im Strukturwandel ver­sucht sich der einstige „Kohlenpott“ zu erneuern.

Ein dumpfes Geräusch tönt über den Platz, als der Spieler den Ball mit dem Kopf touchiert. Knapp über die Torlatte. Im Publikum raunen die Kippe rauchenden Ultras aufgeregt. Hinter den Zuschauern steht eine alte Bergbaulore. Heute ist Derby. Der SV Fortuna Bottrop spielt gegen den VfB Bottrop. Bezirksliga. Mitten unter den Zuschauern stehen Bernd Haack und sein Freund Detlef Meyer mit ihren Frauen. Für die Ex-Bergmänner gehört Fußball zur Ruhrpott-DNA, egal wie warm oder kalt es draußen sein mag. „Derby is doch imma wat Besonderes. Genauso wie gegen Schalke“, sagt Detlef Meyer, der BVB-Fan ist und 30 Jahre unter Tage gearbeitet hat.

In einem Fußballspiel sind es oft die kleinen Details, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Ob der Kopfball sich noch ein bisschen senkt und unter der Latte eintaucht. Ob man den Elfer reinschießt oder knapp vorbei. Das Ruhrgebiet ist, um es fußballerisch zu sagen, ein schwächelnder Top-Klub. Riesengeschichte. Riesenpotenzial. Aber momentan läuft es nicht. Um ehrlich zu sein: seit über drei Jahrzehnten schon nicht. Die Region zwischen Rhein und Ruhr in Nordrhein-Westfalen ist heute das Schmuddelkind der alten Bundesländer mit hoher Arbeitslosigkeit und wenig Perspektive. Das Wort Strukturwandel ist fast zu einem Schimpfwort geworden.

Prägende Bergmannskultur

Andererseits hat die „Metropole Ruhr“ viel zu bieten. Keine Region Deutschlands ist so janus­köpfig. Armut auf der einen, eine hohe Millionärsdichte auf der anderen Seite. Horrende Arbeitslosigkeit gegenüber vielfältiger Hochschulbildung. Clan-Kriminalität versus grüne Naturidylle. Die große Frage: Wie wird sich das Revier weiterentwickeln? Wird es die richtigen Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen? Vermag es die Region, sich selbst am eigenen Schopfe aus der Misere rauszuziehen?

Bernd Haack und Detlef Meyer sitzen mit ihren Frauen beim Essen. Heute haben sie sich ein besonderes Lokal ausgesucht: Das „Mitten im Pott“ von Willi „Ente“ Lippens, einem Kultfußballer, der in den Sechzigern und Siebzigern 327 Spiele für Rot-Weiß Essen gemacht hat und 186 Tore dabei erzielte. Es gibt deftige Hausmannskost. „Der Lippens, der war ein Jahrhundertspieler“, sagt Detlef Meyer, der selbst ehrenamtlich Fußballtrainer war beim RSV Klostertal, an der Stadtgrenze zu Oberhausen. „Die Bergmannskultur war und ist prägend für den Pott. Das darf uns jetzt nicht verloren gehen“, gibt Lippens das Kompliment zurück, als er am Tisch im Restaurant vorbeikommt für Autogramm- und Fotowünsche.

Langzeitarbeitslose und verschuldete Kommunen

Fakt ist: Mit dem Ausstieg aus der Steinkohle Ende 2018 wird es auch keine neuen Kumpel mehr geben. Der bisherige „Kohlenpott“ muss sich jetzt endgültig neu erfinden. Die Region, in der einst eine halbe Million Menschen im Bergbau beschäftigt waren, trägt schwer an ihren Problemen. Die Arbeitslosigkeit unter den mehr als fünf Millionen Einwohnern liegt bei rund 9 Prozent, aber nur weil prosperierende Städte wie Bottrop oder Wesel gut dastehen. In Gelsenkirchen etwa liegt sie bei mehr als 12 Prozent, in Duisburg bei 10 Prozent.

„Wir haben im Ruhrgebiet ein Problem: Grundsätzlich verbessert sich die Situation zwar, aber wir schleppen einen großen Sockel von Langzeitarbeitslosen mit uns herum, der noch aus dem Zurückfahren von Stahl und Kohle rührt“, sagt Jörg Bogumil, Professor am Lehrstuhl für Öffentliche Verwaltung, Stadt- und Regionalpolitik der Ruhr-Universität Bochum. Ein noch erdrückenderes Problem sind die Finanzen der im Ruhrgebiet hochgradig verschuldeten Kommunen, denn hier ist kaum Besserung in Sicht. Zwar gab der Kommunalfinanzbericht, der vom Regionalverband Ruhr herausgebracht wird, erstmals seit langem positive städtische Haushalte zu Protokoll. Auch die Verschuldung geht zurück. Manche Kommunen konnten 2017 sogar Überschüsse erzielen.

Der neue Osten?

Doch die finanzielle Situation bleibt kritisch, weil nur die gute Konjunkturent­wicklung plus die niedrigen Zinsen das Ergebnis so gestalteten. Angesichts eines Schuldenbergs von knapp 15 Milliarden Euro aus kommunalen Überziehungskrediten muss das Ruhrgebiet weiter knapsen. Spätestens mit dem gesamtdeutschen wirtschaftlichen Abschwung, der bereits zu spüren ist, wird die Region wieder heimgesucht von dieser Notlage.

Ist das Revier der neue Osten, wie immer wieder zu lesen ist? Finanzexperten sehen das Ruhrgebiet in einem Dilemma: geringe Steuerkraft, hohe Sozialausgaben, niedrige Investitionen, hohe Steuersätze und gigantische Altschuldenberge. Bei den Einnahmen aus der Gewerbesteuer liegt das Revier fast 27 Prozent unter dem Schnitt der westdeutschen Flächenländer; im Vergleich der Sozialausgaben dagegen um mehr als 40 Prozent darüber. Was die Altschulden angeht: Die anfallenden Kredite der Ruhrgebietskommunen sind mehr als viermal so hoch wie im westdeutschen Durchschnitt.

Und das ist noch nicht alles. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem vergangenen Jahr leben im Revier rund eine halbe Million Kinder unter 15 Jahren in sogenannten „Bedarfsgemeinschaften“, die Hartz IV beziehen. Das sind 70 000 mehr als noch im Jahr 2012. Die Autoren sprechen von einem neuen „Höchststand“ der Kinderarmut bundesweit. Und die Zukunft für die Kinder verheißt keine Besserung: Die Bildungspolitik für die Schulen war schon unter der rot-grünen Regierung von Hannelore Kraft eine einzige Misere – mit einem absoluten Desaster beim Versuch, die Inklusion in den staatlichen Schulen umzusetzen.

Neue Perspektiven

Auch bei der Altersarmut ist der Pott abgehängt. So ist in den Ruhrmetropolen die Zahl der Rentner, die vom Sozialstaat abhängig sind, doppelt so hoch wie anderswo in der Bundesrepublik. Laut einer Berechnung des Landesstatistikportals IT.NRW für die Funke-Mediengruppe waren es in Dortmund 6,1 Prozent, in Essen und Gelsenkirchen über 5 Prozent der Rentner, die Ende 2015 Grundsicherung bezogen. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 3 Prozent.

Junge Arbeitssuchende haben aber mancherorts wieder eine Perspektive. Bei Amazon in Dortmund laufen die Pakete über die Bänder wie Lebensmittel im Supermarkt. Hier ist alles überdimensioniert. In riesigen Hallen werden Pakete von den Bändern angenommen, sortiert, teils geöffnet und umverpackt, gelabelt und auf die Reise geschickt. Das Logistikzentrum ist im Oktober 2017 eröffnet worden. Von hier werden die Pakete nach ganz Europa in andere Logistikzentren weiterverteilt. 1600 Arbeitsplätze sind auf dem traditionsreichen früheren Gelände der Westfalenhütte entstanden.

Gearbeitet wird drei Quartale in zwei Achtstundenschichten und ein Quartal – vor allem wegen des Weihnachtsgeschäfts – in drei Schichten. Zu Weihnachten gehen 100 Millionen Pakete durch die Hände der Mitarbeiter. Und es werden 350 „Saisonarbeiter“ zusätzlich eingesetzt. Unterstützt werden die Angestellten von Robotern, die die Einheiten mit den Paketen hochheben und umschichten, dabei so aussehen wie dicke Tentakel eines Kraken. „Wir haben hier so eine Mentalität: Nicht lange erzählen, sondern machen“, sagt Teamleiter Peter Gall, der früher in der Stahlhütte gearbeitet hat, als er den Blick einmal über die Mitarbeiter an den Laufbändern kreisen lässt.

Amazon hat Arbeitsplätze geschaffen

Die zentrale Lage war für das neuerdings wertvollste Unternehmen der Welt mit Sitz im US-amerikanischen Seattle nur ein Faktor. „Wir haben uns auch für das Ruhrgebiet entschieden, weil die Arbeitsmentalität der Menschen hier passt“, sagt Standortleiter Lars Krause.

Insgesamt hat Amazon in ganz NRW in den vergangenen acht Jahren über 6500 Jobs geschaffen, viele davon für Langzeitarbeitslose oder Arbeitskräfte ohne berufliche Qualifikationen. Nach dem Aus von Nokia, das zwischenzeitig 4500 Menschen beschäftigte, und Opel, einst 20 000 Mitarbeiter – beide Unternehmen waren in Bochum beheimatet – sowie Kohle- und Stahlausstieg dürstet das Ruhrgebiet nach Arbeitsplätzen für Malocher, die keinen besonders hohen Bildungsstand haben. Nach den einfachen Jobs für die Menschen, die man früher „Arbeiter“ nannte.

Was die Hochschulbildung und Forschung angeht, steht das Ruhrgebiet dagegen gar nicht schlecht da. Anfang der siebziger Jahre gab es im Pott nicht einen Studenten – dafür 500 000 Berg­leute. 2019 sind es 350 000 Studis und keine Bergleute mehr. Trotzdem gibt es auch hier eine große Einschränkung: Die Betreuung an den Hochschulen in Nordrhein-Westfalen ist schlusslichtschlecht. Laut dem „Uni-Barometer“ der Fachzeitschrift Forschung und Lehre betreute im Jahr 2017 ein Hochschullehrer im Schnitt 91 Studierende. 2016 waren es 90,7. Damit liegt NRW in diesem Ranking, das auf Zahlen des Statistischen Bundesamts beruht, wie schon seit langem auf dem letzten Platz.

Es fehlt eine Vision

Bundesweit lag die Betreuungsrelation an Hochschulen bei leicht verbesserten 1:66, das an erster Stelle stehende Thüringen erreichte sogar 1:44. Westdeutsche Flächenländer wie Bayern, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen liegen ungefähr im bundesweiten Schnitt und schneiden damit viel besser ab als NRW, in dem wiederum die Ruhrgebietsstädte besonders schlecht dastehen.

Wenn man kleine Erfolgsgeschichten sucht, dann findet man sie. Dortmund ist eine Heimat für viele Start-ups geworden. In Bochum boomen Ausbildungsstätten und der Arbeitsmarkt fürs Gesundheitswesen. In Essen gibt es die Dax-notierten Energieriesen und viel Kultur. In Duisburg die Logistik. Bottrop ist ein Beispiel für ökologische Vorreiterschaft – ausgerechnet die Stadt, wo eben noch die letzte Zeche Prosper-Haniel schloss, der langjährige Arbeitgeber von den Bergleuten Bernd Haack und Detlef Meyer aus diesem Text.

Was aber fehlt, ist eine Vision, die alles zusammenbringt – genau wie ein ordentlich aufeinander abgestimmter ÖPNV. Doch es gibt eine Idee: „Ich sehe das Ruhrgebiet als eine künftige ökologische Wissensregion“, sagt Jörg Bogumil von der Ruhr-Uni Bochum.

Kultur und Zukunftsgestaltung

Wer hielte das für möglich: vom Umweltverpester zur grünen Metropolregion? Tatsächlich hat spätestens die Kür Essens zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 etwas in Gang gesetzt. Allerdings schafft das noch nicht so viele Arbeitsplätze wie gebraucht für die Geringqualifizierten. Was in Gesamtdeutschland ein Problem ist – wie beschäftigen wir die Menschen ohne Ausbildung? –, ist im Ruhrgebiet eine Misere. „Berlin, Berlin, ich höre immer nur Berlin. Die Hauptstadt kann in vielen Fragen der kulturellen Transformation mit dem Ruhrgebiet nicht mithalten. Wir sind das einzige Unesco-Welterbe in Deutschland, das nicht nur auf die Vergangenheit verweist. Das sich ständig und aus sich selbst heraus verändert“, sagt Heinrich Theodor Grütter, Vorstandsmitglied der Stiftung Zollverein in Essen und Direktor des Ruhr-Museums, während er mit der Hand über seinen schweren Bergbauassessoren-Schreibtisch wischt.

So ist auf dem Gelände einer alten Steinkohlezeche ein gewichtiger Player für Kultur und Zukunftsgestaltung mit über tausend Arbeitsplätzen entstanden: die Stiftung Zollverein mit dem Ruhr-Museum. Die Folkwang-Universität der Künste, Museen zu Bergbau und Kunst, Theater-, Kabarett- und Comedy-Events, Festivals, ein stets ausgebuchtes Freiluftkino und ein Schwimmbad, in dem sommers der „Arschbomben-Contest“ ausgetragen wird, gehören zum Angebot auf der 100 Hektar großen Fläche des denkmalgeschützten ehemaligen Bergbauareals. Auf dem Gelände entstehen gerade auch ein neues Hotel, Gastronomie und ein Familienzentrum, die weitere Arbeitsplätze bringen sollen.

Das Problem mit der Kriminalität

Man sieht den alten Doppelbock, das alte Fördergerüst, stolz in die Höhe ragen, schaut von einem Aussichtspunkt auf den Dächern der Zeche auf Türme und Hochöfen, andere Industriebrachen der Region, und bekommt eine Idee davon, was Strukturwandel ganz konkret heißen kann. In dieser Saison zeigt die Stiftung Zollverein eine große Bauhaus-Ausstellung mit einem großen Kulturfestival. „Das ist die Aktualisierung des Bauhaus-Gedankens auf der einstmals größten Bauhaus-Zeche der Welt“, sagt Grütter und lässt ein Gefühl erahnen, das man bei vielen Bewohnern im Revier hat: einen oft unterdrückten Stolz auf das Eigene. Gemischt mit einer Spur Trotz: Erzählt uns nichts. Wir sind doch wer!

Aber zu viel Aufplustern ist nicht angezeigt. Bereits 2012 untersuchte das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) im Auftrag der Berenberg-Bank die Kulturstandorte in Deutschland. Das Ergebnis: abermals ein schlechtes Zeugnis fürs Ruhrgebiet. Unter den 30 größten deutschen Städten schaffte es allein die Ex-Kulturhauptstadt Essen ans Ende der oberen Hälfte, Platz 13. Die fünf letzten Plätze gingen an Städte aus NRW, nämlich Dortmund, Mönchengladbach, Gelsenkirchen, Duisburg und Wuppertal. Kein Grund also zur Euphorie.

Was Grütter von der Zeche Zollverein ebenso am Rande kommentiert, ist das immense Problem mit der Kriminalität im Pott: In den Metropolen haben sich libanesische Clans festgesetzt, die Schutzgeld erpressen, Drogenhandel und Prostitution kontrollieren, das Nachtleben und die Türsteherszene beherrschen und ihr Geld in Immobilien und Gastronomie waschen.

Kampf gegen die Clans

Immerhin: Der neue CDU-Innenminister Herbert Reul setzt auf Großrazzien und rigoroses Durchgreifen bei den Clans. Statt kleiner Nadelstiche will das Land mit breiten Attacken gegen die Al Zeins und die anderen vorgehen. „Von der Kriminalstatistik her ist das Ruhrgebiet aber nicht auffällig im Bundesvergleich“, sagt Jörg Bogumil. Die Clans seien ein Randthema, das vor allem für die Medien spannend sei. Dass unter diesem Rand, den arabischstämmigen Paten, ganze Stadtteile im Essener Norden oder in Duisburg-Marxloh regiert werden, ist für Bogumil offenbar nicht relevant.

Ihre oft etwas ruppige, aber immer ehrliche Art feiern die Ruhrgebietsbewohner selbst als großes Plus. Die Region hat es immer vermocht, Menschen aus allen Himmelsrichtungen zu integrieren – mit allen Problemen, die das mit sich brachte und bis heute bringt.

Es entstand eine Gemeinschaft aus Schrebergärtnern, Taubenzüchtern und Zechensiedlungs-Hausbesitzern. Man einigte sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Und das brachte schon damals ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Wer anpacken konnte, bekam seine Chance im Pott, unabhängig von der Herkunft. Das ist heute anders. Ob das Malocher-Gen am Ende überlebt, hängt von vielen Faktoren ab. Kann das Ruhrgebiet die Big Points setzen bei Themen wie Arbeitsmarkt, Verschuldung, Bildung und Armut? Wird aus dem Strukturwandel endlich eine gemeinsame Aufgabe mit einer strategischen Ausrichtung?

Die Arbeiterwelt existiert nicht mehr

Der Schriftsteller Frank Goosen schrieb 2010, das Ruhrgebiet dürfe sich „zu dem bekennen, was es einzigartig macht, nämlich eben die Arbeit. Zumindest die Arbeit von früher“. Vielleicht benennt Goosen, ohne es zu wollen, damit genau das Problem: Es ist zu viel „wir waren“ im Pott und zu wenig „wir werden sein“.

Bernd Haack, der Ex-Bergmann aus Bottrop, sieht den schrittweisen Niedergang seiner Heimat durch die kohlenschwarze Brille. „Es wird weitergehen, irgendwie“, sagt er. Zu Hause hat er einen kleinen Schrein: mit echten Steinkohlestücken, Schnupftabakdosen – unter Tage darf man nicht rauchen –, einer Stirnlampe und der heiligen Barbara, die die Bergleute um Schutz baten. Haack kann das „Steigerlied“ im Schlaf singen, die Hymne der deutschen Bergleute. Und sein Haustier, Papagei Rico, kann einen Satz sagen: „Alles klar, Kumpel?“

Haack und seine alten Kollegen bleiben in einer Welt verhaftet, die es so nicht mehr geben wird. Zwar existieren jetzt keine deutschen Kumpel mehr – im Ruhrgebiet liegt theoretisch unter Tage noch Kohle für die nächsten 400 Jahre –, von der Steinkohle abhängig bleibt Deutschland dennoch: Sie wird eben jetzt nur importiert. Jörg Bogumil von der Ruhr-Universität Bochum sagt: „Ohne den Strukturwandel, ja ohne Wandel generell kann das Ruhrgebiet nicht weitermachen. Es braucht neue Ideen und eine starke politische Umsetzung. Dann hat die Region eine gute Zukunftsprognose.“

Naziproblem in Dortmund

Dieser Hunger auf mehr lässt sich sprichwörtlich auch in der Dortmunder Gastronomie spüren. Früher Currywurst und Pommes – heute Essen aus aller Welt, von schwäbisch bis tamilisch. Dazu immer öfter: Spitzenküche, die man sich leisten können muss. In Gesamt-NRW gibt es sieben Michelin-Sterne-Restaurants, unter anderem in Dorsten, Haltern am See – und eben in Essen.

In den Katakomben des Dortmunder U, das früher eine Brauerei war, gibt es ein gehobenes Restaurant, das „Emil“, dort, wo in Auerbachs Keller früher frisches Union-Bier aus den Zapfhähnen floss. Der Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dortmunds, Jörg Stüdemann, sieht die Zukunft des Ruhrgebiets bei Kerzenschein positiv: „Wir sind in Dortmund bereits unter die wichtige Zehn-Prozent-Marke bei der Arbeitslosigkeit gerutscht.“ Dass Dortmund ein Naziproblem hat, kommentiert er so: Es sei eine kleine Gruppe, die viel Lärm mache.

Ein neues Ich kreieren

Das Dortmunder Kulturleben biete jede Menge Highlights, etwa die preisgekrönten digitalen Theaterexperimente des Schauspielintendanten Kay Voges oder eben die Festivals und Ausstellungen im Dortmunder U, dessen Licht­installation außen auf die ganze Stadt ausstrahlt wie eine überdimensionierte Lichtorgel in der Großraumdisko. „Und unsere Start-ups bringen auch Jobs für Menschen, die das Ruhrgebiet vielleicht gar nicht auf dem Zettel hatten“, sagt Stüdemann.

Im Technopark, dem größten Technologiepark Europas, direkt am Campus der TU Dortmund gelegen, sitzt etwa das Unternehmen Viality. Das Start-up ist eine Agentur für Virtual- und Augmented-Reality-Lösungen. Für die Stadt Dortmund hat Viality jüngst das „modernste Denkmal Deutschlands“ geschaffen: Auf Basis historischer Fotos des Modells einer Skulptur, die der renommierte Bildhauer Benno Elkan entworfen, aber nie gebaut hat, hat das Unternehmen das Kunstwerk im virtuellen Raum erschaffen. Man kann es, mit einer AR-Brille ausgestattet, besichtigen. Fußball, Bildung, Rechnerleistung – das Ruhrgebiet hat wohl dann eine Chance, wenn es abschüttelt, was es gewesen ist. Und ein neues Ich kreiert.