Der Islamforscher Ralph Ghadban gilt als bester Kenner der arabischen Clans in Deutschland. Seit er über deren Machenschaften im libanesischen Fernsehen gesprochen hat, bekommt er Morddrohungen aus aller Welt und steht unter Polizeischutz.

Eine geschmackvoll eingerichtete Altbauwohnung im Westen von Berlin. Regale mit in Leder eingebunden Büchern, abstrakte Kunst an den Wänden, Grünpflanzen. Hier lebt der Islamforscher Ralph Ghadban, hier arbeitet er auch. Aber seit dem 24. April ist diese Wohnung auch sein Gefängnis. Er darf sie nicht mehr verlassen, ohne der Polizei Bescheid zu sagen. Ghadban steht unter Polizeischutz, seit er in einem libanesischen Fernsehsender beschrieben hat, was arabische Clans in Deutschland so treiben.

Auch Besucher muss Ghadban anmelden. Es hat Morddrohungen gegen ihn gegeben, nicht nur ein paar. Er sagt, er sei förmlich bombardiert worden mit Videos, SMS oder Whatsapp-Nachrichten und Emails. Viele versuchen gar nicht, sich zu verstellen. Ghadban holt sein Handy heraus und scrollt herunter zu einer Drohbotschaft. Ein bärtiger Mann stößt auf arabisch eine Schimpfkanonade aus. Das Gesicht des Mannes ist von Hass verzerrt. Ghadban übersetzt: „Hurensohn“. Und: „Wir werden Dir auf den Kopf treten“.

Der Deutsche Rechtsstaat „sah jahrzehntelang zu“

Ghadban, eisgrauer Seitenscheitel, eisgrauer Schnauzer, braune Augen in einem scharf geschnittenen Gesicht, verzieht keine Miene. Er gilt als der beste Kenner der arabischen Clans in Deutschland. Im Oktober 2018 hat er ein Buch über sie veröffentlicht: „Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr.“ Ghadban kennt viele Clanmitglieder persönlich. In den siebziger Jahren kam der Christ aus dem Libanon nach Deutschland, als Student mit einem Stipendium. Er hat die Beratungssstelle für Araber des Diakonischen Werks geleitet. Er war Anstaltsbeirat der Justizvollzugsanstalt Tegel. Er sagt, seither wüssten die Clan-Mitglieder, wo er wohnt. Sie hätten auch seine Telefonnummer. Da klingelt sein Handy. Er geht nicht ran. Es ist schon wieder ein „Anruf mit unterdrückter Nummer.“

Es ist jetzt einen Monat her, dass ihn der private, arabische TV-Sender „Lebanese Broadcasting Corporation International“ (LBC) zu diesem Buch interviewt hat. Das Interview habe zehn Minuten gedauert, sagt Ghadban. Er sei per Skype zugeschaltet gewesen. „Ich habe eigentlich nur dasselbe erzählt, was ich in Deutschland erzählt habe.“ Dass er es skandalös finde, dass es diesen in den siebziger Jahren aus dem Libanon zugewanderten Clans in Deutschland gelungen sei, ein Netzwerk der organisierten Kriminalität aufzubauen. Und dass er sich frage, wie es möglich gewesen sei, dass der deutsche Rechtsstaat „jahre-, nein jahrzehntelang“ dabei weitgehend zugeschaut habe.

„Ich habe deren Ehre verletzt“

„Die Rote Linie“, so heißt das Magazin, das ihn interviewte. Und man kann sich diesen Auftritt lebhaft vorstellen. Ghadban ist keiner, der ein Blatt vor den Mund nimmt. Wenn es um die Clans geht, verliert er auch schon mal die Contenance. Seine Stimme wird dann lauter. Er neigt zu Verallgemeinerungen.

So redet ein Wissenschaftler eigentlich nicht, so redet ein Aktivist. Als Leiter der Beratungsstelle für Araber hat Ghadban selbst dazu beigetragen, dass sich die Clans in ihrer Parallelgesellschaft häuslich einrichten konnten. Jetzt geißelt er den rot-rot-grünen Senat in Berlin für dessen „Multi-Kulti-Ideologie.“ Und er lobt den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (CDU). Der hat heute ein bundesweit erstes Lagebild zur Clan-Kriminalität vorgelegt habe: Von 104 kriminellen Clans in NRW ist die Rede und von 14.000 Straftaten, die sie von 2016 bis 2018 begangen haben sollen. Das sind fast 40 pro Tag. Die Botschaft des Innenministers ist klar: Der Rechtsstaat müsse klare Kante zeigen. Die Worte könnten auch von Ralph Ghadban stammen. Er sagt, er habe noch gestern mit Reul telefoniert.

Er habe nicht ahnen können, dass er in dem Interview mit LBC selbst eine rote Linie überschritten habe. Warum, das ist ihm jetzt sonnenklar. „Die Ehre der arabischen Clans wurde verletzt.“ Ihre Verwandten im Libanon hätten zwar gewusst, womit sie ihr Geld verdienten – aber die restliche Bevölkerung nicht. Damit habe er ein Tabu gebrochen. Ghadban sagt, Migranten stünden in allen Kulturen unter dem Druck, zu beweisen, das sie es in ihrer neuen Heimat zu etwas gebracht hätten. Diesen Mythos habe er entzaubert.

Hassbotschaften aus aller Welt

Die Folgen sind fatal. Ghadban sagt, die Hassbotschaften seien nicht nur aus Berlin und NRW gekommen, sondern auch aus der Türkei, aus Syrien, aus dem Libanon, ja, sogar aus den USA. Er habe zwar gewusst, dass die Clans untereinander vernetzt seien, Er hätte aber nicht damit gerechnet, dass sie in der Lage seien, einen weltweiten Shitstorm gegen ihn zu mobilisieren. Er sagt: „Wenn ich vorher gewusst hätte, welche Wirkung dieses Interview haben würde, hätte ich es nicht gemacht.“

Er glaubt, zu wissen, wer hinter dieser Sache steckt. 16 Tage nach dem Fernseh-Interview, am 24. April, sei der Terror losgegangen. Er sagt, es sei die Familien-Union, eine Interessengemeinschaft der großen Clans, die 2003 in Essen gegründet worden sei. Ihre Mitglieder hätten sich am 24. April getroffen und beschlossen, ihn einzuschüchtern. Der Vereinsvorstand hat das in einem offenen Brief bestritten, aber Ghadban bleibt dabei. Seine Züge verhärten sich. Er sagt, die wüssten wohl nicht, mit wem sie sich da angelegt hätten. Klar, sei er besorgt. Aber er habe keine Angst. „Wer Angst hat, kann nicht handeln.“

Die Clans leben nach ihren eigenen Gesetzen

Ghadban hat gehandelt. Er hat Strafanzeige gegen drei führende Vertreter der Familien-Union erstattet. Sie haben ihm Videos, Sprach-und Textnachrichten geschickt. Er sagt, es sei nicht schwer gewesen, sie anhand der Video- und Sprachnachrichten zu identifizieren. Sie hätten sich keine Mühe gegeben, ihre Identität zu verschleiern. Überrascht habe ihn das nicht. Die Clans respektierten den Rechtsstaat nicht. Sie lebten nach ihren eigenen Gesetzen.

Dennoch: Dass er Strafanzeige gegen die mutmaßlichen Drahtzieher erstattet hat, hat die Spannungen verschärft. „Es war eine Kriegserklärung“, sagt Ghadban. Er musste vorübergehend untertauchen, als die Polizei ihre Ermittlungen aufnahm. War es das wert? Er zuckt mit den Schultern. Er sagt: „Niemand möchte im Augenblick in meiner Haut stecken, auch ich selber nicht. Aber es ist eben meine Haut.“