In nur zwei Monaten hatte die Apple-Aktie 300 Milliarden Dollar an Wert verloren. Einiges spricht dafür, dass der iPhone-Hersteller nie wieder einen Billionen-Wert erreicht. Dafür gibt es prominente Beispiele.

Bei Apple ist alles spektakulärer als bei der Konkurrenz. Das ist sogar bei den Verlusten so, die die Aktie ihren Haltern beschert. Auch die sind aufsehenerregend. Nachdem der iPhone-Hersteller Anfang Oktober einen nie da gewesenen Börsenwert von 1121 Milliarden Dollar (rund eine Billion Euro) erreicht hatte, verlor das Unternehmen wieder bis zu 300 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung.

In rund zwei Monaten haben Apple-Aktionäre mehr Vermögen eingebüßt, als die größten deutschen Unternehmen SAP, Siemens und Allianz zusammen auf die Waagschale bringen. Doch nicht die absolute Höhe des Kursrückgangs ist entscheidend. Für viele Beobachter geht vom Fall des Apfels ein ganz anderes, weitaus beunruhigenderes Signal aus, ein Signal, das auf die ganze Börse zurückstrahlt.

Jede Epoche bringt gewissermaßen ein episches Unternehmen hervor, eine Firma, die mit ihrer Produktpalette, ihrem Managementstil oder ihrer Innovationskraft der Zeit ihren unverwechselbaren Stempel aufdrückt. So stand John D. Rockefellers Ölkonzern Standard Oil für die Industrialisierung, der Autobauer General Motors für die Motorisierung Amerikas im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts.

Später verkörperte die Radio Corporation of America (RCA) den Boom von Radio und Fernsehen, den fortschrittlichsten Medien jener Ära. In den 70er-Jahren avancierte schließlich der Rechnerhersteller International Business Machines zu dem ikonischsten Unternehmen der Wall Street. Alle wollten sein wie IBM. Das Computerzeitalter war geboren. Es folgten der Mischkonzern General Electric und schließlich Microsoft als Ikonen ihrer Zeit.

Anleger tun gut daran, die Entwicklung der epischen Unternehmen genau im Auge zu behalten. Stoßen diese an die Grenzen ihres Wachstums, endet meist der ganze Börsenzyklus. Umso brisanter ist es, wenn das erwartete Wachstum teuer und immer teurer bezahlt wurde. So war Apple das erste Unternehmen der Geschichte, dem die Akteure eine Billion Dollar Marktkapitalisierung beimaßen.

Eine Billion Dollar Aktienwert als Vorschuss auf alle künftigen Gewinne und Dividenden – So optimistisch sah man die Ertragsaussichten des Konzerns. Dass kurz darauf auch Amazon als zweite Firma die Billionenschwelle überschritt, dann aber nicht dauerhaft halten konnte, kann durchaus als Omen für übertriebene Erwartungen verstanden werden.

ExxonMobil liefert weiteres Lehrstück

Schon Standard Oil macht die Probleme der epischen Unternehmen deutlich. Rockefellers Ölimperium übersprang als erster Konzern der Welt die Marke von einer Milliarde Dollar, als alle Firmen der Wall Street zusammen für 16 Milliarden Dollar gehandelt wurden. Das war im Sommer 1912, am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Kurze Zeit später wurde das Imperium zerschlagen. Die wichtigste Nachfolgefirma Standard Oil of New Jersey kam erst 1928 wieder in den US-Leitindex Dow Jones.

Daraus entstand später ExxonMobil, und dieser Konzern liefert ein weiteres Lehrstück dafür, dass der Sprung an die Spitze auch ein Warnsignal für Investoren sein kann. Als sich der Ölmulti 2005 einmal mehr zur Nummer eins der Börsenwelt aufschwang, mündete eine frenetische Hausse in jähen Absturz. Seit der Finanzkrise tendiert der Kurs nur mehr seitwärts. Auf Zehn-Jahres-Sicht konnten Anleger mit den Anteilscheinen des Energieriesen nicht einmal ein Drittel der Rendite erzielen wie mit dem Leitindex Standard & Poor’s 500 (S&P500).

Ein noch tragischerer Fall ist General Electric. Durch aggressive Aufkäufe verwandelte sich der einstige Technologieriese über die Dekaden in einen Mischkonzern, in dem die Finanzsparte ein immer größeres Gewicht einnahm. Neugründungen sollten organisches Wachstum im Kerngeschäft ergänzen und ersetzen. Die Rechnung ging nicht auf: Schlechtes Risikomanagement führte dazu, dass die Schattenbank innerhalb des Traditionsunternehmens in der Großen Rezession 2008/09 am Rande der Pleite stand und GE beinahe mit sich gerissen hätte. Die einstige Ikone General Electric, in den Neunzigern und dann noch einmal in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts das größte Börsenunternehmen der Welt, scheiterte letztlich an der eigenen Komplexität.

„Größe an sich ist an der Börse kein Qualitätskriterium“, sagt der Investor und Buchautor Christian W. Röhl. Die empirische Kapitalmarktforschung habe vielmehr gezeigt, dass die Aktien mittlerer und kleinerer Firmen langfristig tendenziell besser laufen als die Dickschiffe: „Das ist ja auch logisch, denn kleinere Unternehmen können stärker wachsen“, betont der Berliner. So sei es unwahrscheinlich, dass Weltmarktführer Coca-Cola den Gewinn binnen zehn Jahren noch einmal verdoppelt. Beim sehr viel kleineren Wettbewerber Monster Beverage sei das hingegen viel eher vorstellbar.

Lange Durststrecke für Apple

So ist Röhl auch skeptisch, dass Apple bald wieder in Führung geht. Der iPhone-Bauer ist gemessen an der Marktkapitalisierung jetzt hinter das Softwarehaus Microsoft zurückgefallen: Die 1975 von Bill Gates und Paul Allen gegründet Firma ist weltweit für das grafische Betriebssystem Windows und die Bürosoftware Office bekannt.

Microsoft war schon einmal Spitzenreiter der Marktkapitalisierung, kurz vor der Jahrtausendwende. Dass sich ein Softwarekonzern an ExxonMobil, IBM und dem Mischkonzern General Electric (GE) vorbei an die Spitze schob, war aber auch ein Kontraindikator. Denn es markierte den Höhepunkt der Technologieblase. Wer erst zum neuen Millennium auf den New-Economy-Zug aufsprang, musste 18 Jahre warten, bis er seinen Einstiegskurs wiedersah.

Auch für Apple könnte eine lange Durststrecke angebrochen sein. „Die Firma wird nur dann an die Spitze zurückkehren, wenn es dem Unternehmen gelingt, bei Investoren als Plattform wahrgenommen zu werden – nicht als Gerätehersteller“, meint Röhl. Genau aus diesem Grund würde Cupertino schon jetzt keine iPhone-Verkaufszahlen mehr veröffentlichen, dafür viele Kennzahlen zum App Store und zu Diensten wie Apple Music und iCloud. Und die Konkurrenz schläft nicht: „Wenn ich die Glaskugel bemühen wollte, würde ich sagen: In zwei bis drei Jahren steht weder Microsoft noch Apple ganz oben – sondern Amazon oder Alphabet. Oder ein ganz anderer Spieler, vielleicht aus Asien!“

Andere können dem Führungswechsel etwas Positives abgewinnen und sehen darin kein Krisensymptom oder Warnzeichen: „Microsoft, aber auch Apple und Cisco sind Beispiele dafür, wie vielfältig der Technologiesektor inzwischen ist. Das sind reife Gesellschaften, die ihren Aktionären nennenswerte Dividenden zahlen“, sagt Alison Porter, Portfoliomanagerin und Technologie-Expertin bei Janus Henderson Investors.

Oft hätten Anleger Zweifel, ob sich so große Unternehmen neu erfinden könnten, die Befürchtung sei groß, dass sie zu sehr in der Vergangenheit, in ihren früheren Erfolgen leben. Im konkreten Fall sieht Porter diese Gefahr nicht: „Das ist eigentlich eine ziemlich gute Einstiegsgelegenheit“, findet sie. Alle drei Firmen hätten sich selbst erneuert.

Microsoft hat sich neu erfunden

Beispiel Microsoft. Der Konzern lebe längt nicht mehr nur von dem Betriebssystem. „Microsoft ist jetzt der zweitgrößte Cloud-Anbieter, und im Spielebereich gibt es die Xbox, eine der populärsten Konsolen überhaupt.“ In diesem Sinne sei die aktuelle Nummer eins der Börsenwert-Hitparade beispielhaft für eine Firma, die es geschafft habe, sich selbst neu zu erfinden. Somit sei ihre Zukunft offen.

Anleger sollten sich allerdings nicht allein auf die bekannten großen Namen konzentrieren. „Kleinere und mittlere Unternehmen gehören unbedingt ins Depot“, betont Röhl. Diese Nebenwerte, auch Mid Caps genannt, lassen sich inzwischen sogar als Indexfonds handeln. So gibt es zum Beispiel eine Nebenwerte-Variante des Weltaktienindex MSCI World. Der iShares Edge MSCI World Size Factor ETF (Wertpapierkennnummer A12ATH) enthält 894 „kleine“ Aktien aus 23 Ländern.

Das Besondere: Alle Positionen im Fonds werden regelmäßig gleich gewichtet. Es gibt also keine Klumpenrisiken, wie es deutsche Anleger vor 20 Jahren leidvoll mit der T-Aktie erfahren mussten, die mit ihrem großen Gewicht am Ende den ganzen Dax nach unten zog.