Ist Judenfeindschaft eine Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft? Eine scheinbar ketzerische These zur jüdischen Religions- und Realgeschichte.

Sogar der Antisemitismus hat seine guten Seiten. Obwohl seit rund dreitausend Jahren Juden unterschiedslos diskriminierend oder liquidierend, hilft die Judenfeindschaft dem Überleben des seit dem 19. Jahrhundert mehrheitlich nichtreligiösen jüdischen Kollektivs. Freilich auf Kosten von Millionen jüdischen Individuen.

Ist bereits Kritik an Juden Antisemitismus? Nein, denn ohne Kritik keine Kreativität. Sehr wohl antisemitisch ist jede substanziell feindliche, gegen das jüdische Individuum oder Kollektiv gerichtete Meinung oder Tat. Was Antisemitismus ist, entscheidet nicht der Wille des Treffenden, sondern die Wirkung auf den Betroffenen.

Ist Kritik an Personen, Institutionen, Entwicklungen Israels oder, althistorisch, an den drei altjüdischen Gemeinwesen (die Königreiche Israel sowie Judäa eins und zwei) antisemitisch? So wenig wie Judenkritik. Die heftigste Kritik an den Monarchen und Bürgern der jüdischen Altreiche übt die Hebräische Bibel. Die Zerstörung antik-jüdischer Staatlichkeit wird dort als Gottes gerechte und von den Propheten vorhergesagte Strafe dargestellt. Wer heute Israels Seinsrecht bestreitet oder bekämpft, ist antisemitisch. Warum? Weil Israel als jüdischer Staat für jeden Juden der Welt die ultimative Lebens-, also Seinsversicherung ist. Ergo ist deren Entzug praktizierte Judenfeindschaft.

Diskriminierender und liquidierender Antisemitismus

Womit wir bei der fundamentalen Unterscheidung zwischen dem „nur“ diskriminierenden und dem liquidierenden Antisemitismus (inklusive Antiisraelismus) wären. Diskriminierender Antisemitismus ist unausrottbar. Daran werden selbst die deutschen Antisemitismusbeauftragten und Demokratieprogramme in Bund und Ländern nichts ändern. Die diskriminierende Judenfeindschaft ist wenigstens nicht lebensgefährlich, die liquidierende ist mörderisch. Wie jeder Mord muss sie verhindert oder bestraft werden.

Weil Nichtjuden ihn selten verhindert haben, wurde 1897 der Zionismus und 1948 als dessen Konsequenz der Staat Israel begründet. An den diskriminierenden Antisemitismus (jiddisch: „den guten Alten Rischess“) haben sich „die“ Juden in Geschichte und Gegenwart gewöhnt. Den liquidierenden kann letztlich allein Israel verhindern oder bestrafen. Womit wir wieder bei Israel als Lebensversicherung aller Juden wären.

Das historisch nachweisbar einzig Gute, geradezu Tröstliche am mörderischen Antisemitismus ist dies: Dessen langfristige, objektive Wirkung entsprach gott(?)lob nicht dem subjektiven Willen der Judenfeinde. Der liquidierende Antisemitismus hat, noch mehr als der diskriminierende, nach individuellem Massenleid und -mord das jüdische Kollektiv geradezu wiederbelebt. Wie Mephisto wirkt Judenfeindschaft als „Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Eine Skizze jüdischer Geschichte und Heilsgeschichte möge diese grausige These belegen.

Die Bibel bietet nicht Geschichte, sondern gleichnishaft, in Erzählform, Meta- beziehungsweise Heilsgeschichte(n). Im Kern ähneln sie der nachweisbaren Historie. Am Anfang der Heilsgeschichte war die vierhundertjährige Fron in Altägypten. Es folgte, angeführt von Moses, die Befreiung, der Exodus, also der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten. Dieser ist, ebenso wie die Person Moses, eine heilshistorische Chiffre. Ihre Botschaft bestimmt bis heute „die“ Weltsicht. Religiös, rituell kodifiziert und kondensiert findet man sie in der alljährlich, meist familiär zelebrierten Pessachgeschichte („Hagada“): „Nicht nur einmal wollte man uns vernichten, sondern in jeder Generation. Und Gott, der Herr, rettet uns (immer) vor unseren Mördern.“

Natürlich stellt sich auch aus jüdischer Sicht die Frage nach dem Warum. Im „Höre Israel“, dem jüdischen Hauptgebet (Deuteronomium 6,4), wird sie im Sinne eines Wenn-dann implizit beantwortet: „Und wenn ihr auf meine Gebote hört …, dann gebe ich …“ Das ermutigende Wenn der Heilsgeschichte reichte in der jüdischen Realgeschichte offenbar nicht, denn die Könige sowie die Kinder Israels taten meistens, was „nicht recht war in den Augen ihres Herrn“. Der wirkungslosen Ermutigung der „Worte des Herrn“ folgten die Drohungen der Propheten: Wenn Israel (=die Juden) nicht Gottes Gebote befolgte, würde Gottes Strafe folgen: Verfolgung, Leid, Tod, Verlust des eigenen Landes – und durch Umkehr Rückkehr und Versöhnung als Belohnung.

Eine Geschichte der Zerstörung

Bis heute kamen Heils- und Realgeschichte immer wieder zusammen. Erstmals in der Antike: Das vermeintlich sündenpralle Königreich Israel wurde 721 v. u. Z. „als Gottesstrafe“ von Assyrern zerstört. Das weniger sündige Judäa blühte auf – und verblühte bald durch spätere „Sünden“. Babylon zerstörte 586 v. u. Z. den Ersten Tempel und das Königreich. Die zusätzliche „Gottesstrafe“ war das Babylonische Exil, der Verlust von Staat und Land. Dann „Umkehr“, Um- und Neubesinnung der Juden aufs Judentum und deshalb 538 v. u. Z. die Rückkehr.

Persien hatte („mit Gottes Hilfe“, versteht sich) Babylon erobert. Den Juden wurden Siedlung, Tempelneubau und Selbstverwaltung in Zion („durch göttliches Wirken“) gestattet. Anders als im Königreich Judäa eins mit seinem Tempelmonopol wetteiferten fortan bis zur Zerstörung des Zweiten Jerusalemer Tempels im Jahre 70 u. Z. die vielen Synagogen mit dem einen Tempel. Tonangebend in den Synagogen war die Bourgeoisie, im Tempel die Aristokratie. Das war eine soziologische und theologische Erneuerung.

Trauma und Antrieb: Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem, hier von Francesco Hayez gemalt

Was hat diese real- und heilsgeschichtliche Mixtur mit meiner scheinbar ketzerischen These zu tun? Sehr viel. Die eigentlich entsetzliche, gegen Juden gerichtete historische, mörderische Tat (liquidierender Antisemitismus), also die Zerstörung von Königreich und Tempel, war, heilsgeschichtlich betrachtet, die Ouvertüre zur Erlösung. Nebenbei: Christen sollten diese heilsgeschichtliche Denkfigur bestens kennen. Erst Kreuzigung, dann Auferstehung.

Im Jahre 63 v. u. Z. verlor das Königreich Judäa zwei faktisch seine Unabhängigkeit. Die Römer kamen, um zu herrschen. Ein Teil der Juden griff bar jedes Realitätssinns von 66 bis 70 zu den Waffen – und verlor. Der Zweite Tempel wurde zerstört. Ein neues Exil begann, das europäische. Eine kleine Gruppe pazifistischer, pragmatischer, menschenfreundlicher Rabbiner durfte im Land bleiben. Das war die Kern-„Truppe“ des Neuen, Talmudischen Judentums: weder an Synagoge noch Tempel oder ein Land fixiert, sondern ortsunabhängig, transportabel, notfalls global. Der zweiten Katastrophe von Niederlage und Tempelzerstörung folgten wieder Auferstehung und Erneuerung.

Auschwitz als „Gottes gerechte Strafe“

Bei orthodoxen Juden wirkt diese Denk- und Glaubensfigur bis zum Holocaust und darüber hinaus. Dass in Auschwitz, der höllischsten Hölle des liquidierenden Antisemitismus, orthodoxe Juden, vor der Gaskammer stehend, ihre bevorstehende Ermordung „Gottes gerechte Strafe“ für die eigenen Sünden sowie die „der Kinder Israels“ nannten, ist mehrfach und glaubwürdig überliefert. Schrecklich, aber wahr – und systemisch makaber, aber konsequent reale Unheilsgeschichte mit Heilsgeschichte verbindend, ist für die jüdische Orthodoxie der Antisemitismus sozusagen ein Werkzeug Gottes, um die Juden zum „wahren“ Judentum zurückzuführen.

Ganz ohne Heilsgeschichte bestreiten natürlich auch religionsferne Juden das realhistorische Grauen von Auschwitz nicht. Ganz anders als die Orthodoxen zürnen sie Gott, bezweifeln oder bestreiten sein Sein – weil er diese aus ihrer Sicht grundlose Antisemitenstrafe millionenfach zuließ. Ganz anders als die Orthodoxen – und in gewisser Weise absurd, weil zugleich religiös und nichtreligiös – betrachten viele areligiöse und antireligiöse Juden (auch viele Nichtjuden) die dem Holocaust folgende Gründung des Jüdischen Staates, Israel, als fast heilsgeschichtlichen Akt der Auferstehung. Für die Orthodoxen ist dagegen die Gründung des Jüdischen Staates „ohne ausdrückliche Zustimmung Gottes“ und das Kommen des Messias illegitim, ja, sogar „Gotteslästerung“.

Auferstehungen, dann wieder Leid

Trotz der fundamental unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen beider Judentümer erkennen sie gleichermaßen die realgeschichtliche Abfolge an: erst die sechsmillionenfache Katastrophe an jüdischen Individuen, dann die kollektiv-staatliche „Auferstehung“. Diese Erst-dann-Abfolge von mörderischem Antisemitismus und kollektiver jüdischer Auferstehung sowie Erneuerung entspricht lange vor und nach dem Holocaust sowohl der religiönsjüdischen Weltsicht als auch der Realgeschichte: „Rabbi Elieser sagte: Wenn die Israeliten Buße tun, so werden sie erlöst“ (Sanhedrin 97b).

Ob die Israeliten nun Buße taten oder nicht – den Antisemiten hat ihr Antisemitismus geschadet, und dem massenindividuellen jüdischen Leid folgten kollektive Auferstehungen, dann wieder Leid, erneut Auferstehungen und so weiter. Einige historische Beispiele. Aus „Deutschland“ und Mitteleuropa wurden Juden im 14. Jahrhundert vertrieben. Sie flohen nach Polen, und Polen und Polens Juden blühten auf – bis … ja … dann Antisemitismus und die bekannte Abfolge. Das katholische Spanien vertrieb die Juden 1492, Portugal 1497. Vor allem in Venedig, Bordeaux, Antwerpen, Amsterdam, London und Istanbul blühten neue jüdische Gemeinden. Wie Brandenburg später bei der Einwanderung der protestantischen Hugenotten profitierten hiervon auch die Gemeinwesen, die Juden aufnahmen, während Spanien und Portugal allmählich verkümmerten.

Hitler-Deutschland verfolgte, vertrieb und ermordete die Juden. Das war, jenseits des Urverbrechens, nicht zuletzt ein selbst verschuldeter und bis heute spürbarer Verlust an kreativem Geist. Die permanente Feindschaft und Bedrohung Israels aus der Islamischen Welt spornt die jüdischen Bewohner zu immer neuen Erfindungen und Entwicklungen an und schweißt die vielfach zerrissene jüdisch-israelische Gesellschaft zur Gemeinschaft zusammen.

Die religiöse Minderheit der Diasporajuden – maximal zehn Prozent – lebt inhaltlich Jüdisches mit und ohne Antijudaismus selbstbestimmt und gewollt im Alltag. Die nichtreligiöse Mehrheit lebt eher mehr als weniger im jüdischen Nichts. Ihre Israelbindung darf man getrost „Salonzionismus“ nennen, und Jüdisches leben sie, wenn überhaupt, eher als museale Rückzugs-und-Nostalgie-Folklore. Ihr Judentum ist eine Art Verein – den immer mehr Mitglieder verlassen. Zurückgeschleudert werden sie ins Jüdische und auch Israelisch-Zionistische – nicht zum ersten Mal in der Jüdischen Geschichte – fast nur vom Antijudaismus und seit 1948 vom Antiisraelismus. Jeder Antisemitismus und Antiisraelismus – der rechte, linke, islamische oder christliche – schweißt die unterschiedlichsten, nicht selten untereinander verfeindeten Richtungen der Diasporajuden und Israelis immer wieder neu zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Und die Moral von der Geschicht? Antisemiten und Antizionisten aller Länder, vergesst euren Unsinn. Ihr schafft es (gottlob) nicht, die Welt judenrein umzuformen. Diese kümmerlichen 0,2 Prozent der Weltbevölkerung tun euch nichts und der Menschheit viel Gutes. Eure unfreiwillige Judenrettung mag für uns Juden langfristig, historisch, ein Rettungsanker sein. Dankend verzichten wir auf diesen und suchen andere. Unsere Tradition bietet Klügeres und Menschlicheres als eure.