In einer Kleinstadt in der Oberpfalz prügeln Migranten auf Passanten ein. Dann beginnt, was schon fast Routine ist: Eine Schlacht um die Deutung. Die Bewohner wollen ihre Ruhe zurück, der Bürgermeister spricht vom „Ausnahmezustand“.

Am Ende dieser Woche, zeigen seine geröteten Augen, ist auch der CSU-Oberbürgermeister ziemlich am Ende. „Das war einfach too much“, sagt Michael Cerny. Zu viel. Aus dem Rathaus blickt er auf die Altstadt von Amberg mit ihren Postkartenmotiven. Schnee auf Spitzdächern, holprige Gassen, Holzbrücken über trägem Fluss. 42.000 Einwohner zählt die oberpfälzische Stadt, seit 1958 regiert hier die CSU.

Amberg sei es gewöhnt, sagt Cerny, dass einmal im Jahr ein Fernsehsender für eine Umfrage vorbeischaue, etwa dazu, was man in dieser heimeligen Gegend vom Heimatministerium halte.

Doch nun standen tagelang Übertragungswagen auf dem Marktplatz und sein Telefon nicht mehr still. Das mediale Interesse habe keine Relation mehr zu den tatsächlichen Ereignissen in seiner Stadt, sagt er. Er spricht von einem „Ausnahmezustand“.

Am vergangenen Sonntag gab es erste Nachrichten darüber, dass vier betrunkene 17- bis 19-jährige Asylbewerber – einer eigentlich ausreisepflichtig – am Vorabend Passanten verprügelt haben sollen. Bürgermeister Cerny bekundete auf Facebook sein Entsetzen und forderte „angemessene Härte“ der Justiz und Asylbehörden.

Am Mittwoch griff der Bundesinnenminister den Vorfall auf, sprach von „Gewaltexzessen“ und kündigte schärfere Gesetze zur Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern an.

Derweil sagte Cerny der „Mittelbayerischen Zeitung“, dass eine NPD-Truppe in Amberg gesichtet worden sei. Einen Hinweis auf den möglichen Aufbau einer Bürgerwehr habe er an die Polizei weitergeleitet. Das befeuerte die Schlagzeilen: „Rechtsextremisten patrouillieren in Amberg“.

Es habe „zwei Tatkomplexe“ gegeben

Reporter reisten an, um über Bürgerwehren zu berichten. Dann stellte sich heraus, so gab es diese gar nicht. Bayerns Innenminister kam nach Amberg, um seine Unterstützung zuzusichern. Vor dem Weihnachtsbaum am Marktplatz sprach Joachim Herrmann in die Kameras, dass das Gewaltmonopol klar beim Staat liege. Beamte laufen seither in Zweierteams zwischen Bahnhof und Innenstadt auf und ab.

Die Einwohner sind gereizt. „Wären die Täter gebürtige Oberpfälzer gewesen, keine Sau hätte sich für Amberg und den Vorfall interessiert“, schreibt einer auf Facebook und bekommt viel Zustimmung.

Nach Orten wie Mainz, Köthen, Chemnitz gerät nun Amberg zum Spannungsmesser eines nervösen Landes. Das Stichwort Asylbewerber als Täter hat die Lager in Stellung gebracht.

Seehofer verspricht einen Gesetzentwurf für die schnellere Abschiebung straffälliger Asylbewerber. Grüne, FDP und Linke warnen vor einer Überreaktion. Die AfD vor Verharmlosung. Der Flüchtlingsrat mahnt die Gleichbehandlung mit deutschen gewalttätigen Jugendlichen an.

Seit einer Prügelattacke schaut Deutschland auf Amberg. Die politische und mediale Aufmerksamkeit sei zu viel gewesen, sagt Oberbürgermeister Michael Cerny.

Und Amberg sieht staunend zu, wie es zum Austragungsort einer sich wiederholenden Debatte wird.

Die Polizei versucht, den Ball flach zu halten, ohne den Vorfall kleinzureden: Die vier Beschuldigten seien nicht, wie in ersten Berichten beschrieben, stundenlang prügelnd durch die Innenstadt gezogen.

Es habe „zwei Tatkomplexe“ gegeben: einen Übergriff auf zwei Männer am Samstag gegen 18.45 Uhr am Bahnhof. Dann zwei Stunden später weitere Übergriffe am Rand der Altstadt, etwa 200 Meter weiter. Dort wurden die vier Asylbewerber dann auch festgenommen.

„Das ist ja fast schon Realsatire“

Insgesamt gebe es zwölf überwiegend leicht Verletzte, darunter einen Polizeibeamten, der bei der Festnahme einen Schlag abgekriegt habe. Die Sicherheitslage sei gut.

Der Oberbürgermeister wirkt mittlerweile zerknirscht darüber, dass er das Schlagwort „Bürgerwehr“ ins Spiel gebracht hatte. „Wörter zeichnen Bilder“, sagt Cerny. Er habe bei seiner Warnung Rechtsextreme mit Springerstiefeln und Baseballschlägern im Kopf gehabt. „Aber wenn man sich dann diese Fotos ansieht…“ Cerny zeigt die Facebook-Seite der NPD Nürnberg auf seinem Laptop. „Das ist ja fast schon Realsatire.“

Die Bilder auf der NPD-Seite sind das, was von der Furcht vor rechten Aufmärschen übriggeblieben ist: Vier Männer, drei in roten Westen mit der Aufschrift „Wir schaffen Schutzzonen“, laufen durch menschenleere Gassen in Amberg.

„Auch ein regnerischer Tag schreckt uns nicht ab“, lautet eine Bildunterschrift. Auf zwei Fotos reiten die Männer auf den Löwenfiguren, die den Eingang zum Rathaus säumen. Der Oberbürgermeister sagt: „Alte Männer, die Kindern das Spielzeug streitig machen.“

Die vermeintliche Bürgerwehr: Frank Auterhoff (l.), Sprecher der NPD Nürnberg, sagt, er und drei weitere NPD-Mitglieder seien ein bis zwei Stunden durch Amberg gelaufen

Nachdem sich Spott in den Kommentarspalten der Facebook-Seite ergoss, hat die NPD die Löwen-Fotos wieder heruntergenommen. Die Beschreibung auf Facebook, man habe in Amberg eine „Schutzzone“ geschaffen, zeichnet Frank Auterhoff, Sprecher der NPD Nürnberg, auf Nachfrage so nach: Sie seien am Nachmittag des 1. Januar spontan nach Amberg gefahren und ein bis zwei Stunden durch den Ort gelaufen.

Mehr als vier Leute habe er am Neujahrstag nicht organisiert gekriegt, und länger hätten sie nicht patrouillieren können, da alle „Verantwortung im Privatleben“ hätten. Er selbst sei übrigens der ohne Weste auf den Fotos. Die Partei habe die nur in „zu schmalen Größen“ wie XL da.

Ähnliche Aktionen gebe es auch in anderen Städten, sagt Heiko Klare vom Verband der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Immer nach dem gleichen Muster: Eine Handvoll Männer in roten Westen laufe irgendwo auf und stelle anschließend öffentlichkeitswirksam Bilder ins Netz.

Das sei als gezielte Provokation und als Versuch der NPD zu werten, sich als präsente Bewegung zu stilisieren. Die „Schutzwesten“, die wohl an die „Schutzstaffel“ der NS-Zeit erinnern sollen, waren auch bei Demonstrationen in Chemnitz gesichtet worden.

Einen deutlichen Bezug zu Chemnitz stellt jemand anderes her. Nachdem in Sachsen im August mutmaßlich Asylbewerber einen Deutschen mit Messerstichen getötet hatten und es anschließend bei Aufmärschen von Rechtsextremen zu Übergriffen auf Ausländer kam, war schnell von „Hetzjagden“ die Rede gewesen – auch die Kanzlerin hatte den Begriff benutzt. Die AfD hatte das Schlagwort damals abgelehnt. Nun aber setzt sie es ganz bewusst ein.

Die AfD-Politikerin Katrin Ebner-Steiner sagte, es handele sich um eine „gezielte Hetzjagd auf Einheimische“. Die Polizei bezeichnet diese Darstellung als unangemessen.

Am Donnerstagabend gibt die AfD-Landtagsfraktion am Viehmarkt Interviews. Die Vorsitzende Katrin Ebner-Steiner wiederholt mehrmals, dass es sich bei dem Vorfall um eine „gezielte Hetzjagd auf Einheimische“ handele.

Die Polizei bezeichnet das zwar als unangemessene Darstellung, will aber keine Details nennen, was denn nun genau passiert ist. Es werde noch ermittelt – und man wolle ausstehende Zeugenaussagen nicht beeinflussen.

Am Bahnhof, wo alles losging, schmiert Justin Fels Sandwiches in einem Imbiss. Der 19-Jährige sagt, er sei von den Asylbewerbern angegriffen worden, als er gerade mit Freunden Pause gemacht und eine geraucht habe.

Die vier hätten eine Freundin beleidigt, er habe gesagt, dass sie das lassen sollen. „Einer von denen hat mir eine Kopfnuss verpasst.“ Seinem Kumpel hätten sie auch „eine gezimmert“ und ihm noch mal eine „Schelle“ gegeben, er sei gegen ein Geländer geknallt.

Die seien dann abgezogen. Er habe einen Kratzer am Hals, sein Kopf habe gedröhnt. Am nächsten Tag habe er aber normal weitergearbeitet. Diese Typen, sagt Fels, hätten es nicht verdient, dass sie hier sind.

In der Altstadt geben Passanten immer wieder ähnliche Antworten auf die Frage nach ihrer Sicht der Dinge. Wenige sagen, sie fühlten sich nach der Prügelattacke unsicher. Viele sagen, hier schlage sich doch ständig wer, nur eben keine Migranten. Der Vorfall ändere nichts an ihrer grundsätzlichen Einstellung.

An den Stammtischen im Wirtshaus „Schießl“ kloppen Männer Karten und reden von zu vielen Flüchtlingen und zu wenigen Abschiebungen. Das ist der eine Meinungspol.

Der andere liegt am Wohnzimmertisch von Petra und Werner Konheiser. Die beiden, Anfang 60, haben die Bürgerinitiative „Amberg hilft Menschen“ organisiert, die Asylbewerber bei Wohnungssuche und Behördengängen unterstützt. „Es war absehbar, dass es mal kracht“, sagen sie.

Rund 1000 Asylbewerber und bereits anerkannte Asylsuchende leben in Amberg. Junge Männer müssten während des manchmal jahrelangen Verfahrens in den Heimen bleiben, auf engem Raum, ohne Perspektive. Das schüre Frust, der in Gewalt umschlagen könne.

Sie meinen, es brauche nicht mehr Abschiebungen, sondern mehr Arbeitschancen. Am Donnerstagmorgen lag eine Postkarte ohne Absender in ihrem Briefkasten: Man solle sie mal verprügeln.

Oberbürgermeister Cerny sagt, er lösche jeden Abend hasserfüllte Mails und Facebook-Posts. Er hatte zuvor gewarnt, Asylbewerber unter Generalverdacht zu stellen.

Die vier mutmaßlichen Täter von Amberg sitzen in U-Haft. Aktuell sei ihre Abschiebung nicht möglich, teilt das bayerische Innenministerium mit. Bei einem 18-jährigen ausreisepflichtigen Iraner fehlten Papiere. Bei einem 17-jährigen Afghanen gelte noch ein Abschiebeverbot. Zwei volljährige Afghanen befänden sich in laufenden Asylverfahren. Man dränge auf die Beschleunigung.

Michael Cerny hofft, dass seine Postkartenstadt nicht zum Symbol für ein neues Abschiebungsgesetz wird. Dafür, findet er, sei Amberg der falsche Fall. Die Übergriffe seien schlimm, bewegten sich aber Gott sei Dank nicht im Bereich von schweren Verletzungen oder gar Mord. Den zwölf Prügelopfern gehe es körperlich wieder gut. Sie wünschten sich, sagt er, dass Ruhe einkehrt.