1979 war ein Jahr der Umstürze in der muslimischen Welt. Im Iran errichtet Ayatollah Khomeini einen schiitischen Terrorstaat, Afghanistan versinkt im Bürgerkrieg und Israel und Ägypten schließen Frieden. Wer die Krisen von heute verstehen will, sollte zurückblicken.

Manche Jahre stehen für historische Wendepunkte, eine Zäsur, das Ende einer Epoche, einen Bruch oder Neubeginn, der den Lauf der Geschichte ändert und die Karten völlig neu mischt. 1979 war so ein Jahr für die muslimische Welt. Um zu begreifen, was heute geschieht, lohnt sich vor Augen zu führen, was damals geschah.

Als der damalige Ministerpräsident Israels Menachem Begin und Anwar as-Sadat, damaliger Präsident Ägyptens, im März 1979 das zuvor in Camp David ausgehandelte Friedensabkommen unterzeichneten – das den seit 1948 herrschenden Kriegszustand zwischen ihren Ländern und die Besetzung des Sinai beendete –, machte das nicht nur den Golf von Akaba und den Suez-Kanal wieder zu internationalen Seewegen. Es erzürnte auch die gesamte Region. Prediger schäumten über die angebliche imperialistisch-zionistische Verschwörung. Ägypten flog aus der Arabischen Liga und der Organisation für islamische Zusammenarbeit. Mit Ausnahme von Oman, Sudan und Somalia brachen alle arabischen Staaten die diplomatischen Beziehungen zu Ägypten ab.

Am 6. Oktober 1981 töteten islamistische Attentäter Sadat bei einer Militärparade. Der Mord wurde in Libyen und im Südlibanon gefeiert. Iran benannte eine Straße in Teheran zu Ehren der Mörder. Indirekter Auslöser für die Tat war die Verhaftung des Bruders des Drahtziehers, der sich an Pogromen gegen koptische Christen in Kairo beteiligt hatte.

Die Rückehr des Ayatollahs

Knapp acht Wochen, bevor Sadat das Friedensabkommen in Washington unterzeichnete, war Ayatollah Khomeini nach 14 Jahren im Exil nach Teheran zurückgekehrt, wo Hunderttausende ihn wie einen Heiland begrüßten. Zielstrebig riss er mit einer kleinen Minderheit die Macht an sich. Sofort nach seiner Ankunft erklärte er die bisherige Regierung für illegal, ließ politische Partner verfolgen und schaffte binnen weniger Monate einen Großteil der Freiheiten ab, die sich die Perser erkämpft hatten.

Wer sich daran klammerte, wie etwa die Frauen, die ihr Haar zeigten, brandmarkte er als „islamophob“, ließ sie verfolgen, öffentlich erniedrigen und bestrafen. Die religiösen Extremisten jagten angebliche oder echte Monarchisten, weltliche Oppositionelle und religiöse Minderheiten. Vor dem Hintergrund von Massenverhaftungen und Hinrichtungen bereitete der Revolutionsrat das Referendum über die islamische Staatsform vom 30. März vor. Am 1. April rief Khomeini mit angeblichen 98 Prozent Zustimmung die „Islamische Republik Iran“ aus, die durch eine weitere Volksabstimmung im Frühherbst legitimiert wurde.

Im November begann nach dem islamischen Kalender das Jahr 1400. Das Jahr, in dem der „Mahdi“ wieder auftauchen sollte, der Nachfahre des Propheten, der gesandt werden würde, um das Unrecht in der Welt zu beseitigen und die Endzeit einzuleiten. Im schiitischen Islam ist der Mahdi der „verborgene Imam“, der zurückkehrt, wenn die Gläubigen in größter Bedrängnis sind.

Khomeini nutzte diesen messianischen Kult. Er sagte über sich: „Ich bin gekommen, um Gerechtigkeit walten zu lassen, all die Erniedrigten, Geknechteten, Ausgebeuteten werden endgültig frei sein.“ Gleichzeitig erklärte er: „Ich glaube nicht, dass es jemals in der Geschichte der Menschheit so viele Teufel gegeben hat wie in diesen Zeiten. Unsere Zeit, die als Epoche des Fortschritts bezeichnet wird, ist die Ära des Teufels.“

Die Rolle des Westens

Der aus Iran geflohene Schah war schwer an Krebs erkrankt. Nach einer Odyssee befand er sich mittlerweile im New Yorker Columbia-Presbyterian-Hospital. Khomeini verlangte seine Auslieferung. Als die US-Regierung das verweigerte, stachelte er zornige junge Männer auf, wobei er wie in vielen seiner politischen Reden auf antisemitische Verschwörungstheorien setzte und den „Zionismus“ verantwortlich machte: „Es ist deshalb Sache der lieben Schüler, Studenten und Theologiestudenten, mit all ihrer Kraft die Angriffe gegen die USA und Israel zu verstärken, so dass sie den abgesetzten und kriminellen Schah ausliefern“

Am 4. November besetzten Studenten die Botschaft der Vereinigten Staaten in Teheran und nahmen 52 Diplomaten als Geiseln. Das Drama zog sich über 444 Tage hin, führte zu einer Führungskrise in den USA, der Niederlage der Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen und dem Sieg Ronald Reagans.

Der „große Satan“ war nachhaltig düpiert. Iran nahm Rache für die Ereignisse 25 Jahre zuvor, als die USA maßgeblich daran beteiligt waren, den damaligen Premierminister Mohammad Mossadegh zu stürzen, um Persien davon abzuhalten, sich aus der Umklammerung westlicher Interessen zu befreien. Damals hatten die USA dafür gesorgt, dass der bereits aus dem Land geflohene, verhasste Schah nach Iran zurückkehrte. In der Folge stimmte Persien einem für britische und US-Ölkonzerne extrem vorteilhaften Vertrag zu. Der Schah ließ wiederum seine politischen Gegner erbarmungslos verfolgen, wodurch er dem späteren Triumph der Mullahs teilweise den Boden bereitete.

So trug die Gier des Westens wesentlich dazu bei, eine uralte Kulturnation in eine autoritäre Theokratie zu verwandeln, deren Machthaber im ersten Golf-Krieg Tausende von Kindern in Minenfelder hetzte und so den mittelalterlichen Mythos des selbstmörderischen „Märtyrers“ neu begründen half.

Ausbreitung auf die Sunniten

Kurz nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran erschütterte dann ein weiteres Ereignis die islamische Welt: In den frühen Morgenstunden des 20. November 1979, am islamischen Neujahrstag 1400, drangen um die 500 schwer bewaffnete Kämpfer in die Große Moschee im Zentrum Mekkas ein und nahmen Tausende von Gläubigen gefangen. Das Erstürmen der Großen Moschee im Herzen der Pilgerstadt war ein unerhörter Vorgang, der die Rechtmäßigkeit des saudischen Königshauses als Hüter der heiligen Stätten in Frage stellte.

Die Besatzer waren zu allem entschlossene Fanatiker, die dem saudischen Regime Dekadenz und Abkehr von der Reinheit der Lehre vorwarfen. Die islamische Revolution, die Khomeini für die Schiiten ausgerufen hatte, schien nun auch die Sunniten zu erfassen. Die saudische Monarchie wankte. Sämtliche Herrscher am Golf waren in Schock. Zwei Wochen lang stand ihr Schicksal auf Messers Schneide. Bei den Kämpfen um die Moschee starben ungefähr 1.000 Menschen. Am Ende retteten nur heimlich aus Frankreich eingeflogene Spezialisten das saudische Königshaus.

Doch obwohl die Angreifer militärisch scheiterten, erreichten sie politisch all ihre Ziele. In der Zeit danach überschlugen sich die Golf-Regime, um die Ultras in den eigenen Reihen zu besänftigen und die religiöse Konkurrenz in Iran an Radikalität zu überbieten. Sie verschärften die bereits rigiden Alltagsvorschriften, begannen weltweit fundamentalistisch zu missionieren und islamischen Terror zu subventionieren.

1979 ist ein tiefer Einschnitt

Seither verbreiten Saudi-Arabien, Katar und Kuweit ultrakonservativen Wahabismus, egal ob in Afghanistan, Pakistan, Indonesien, Malaysia, Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Nordafrika, Bosnien-Herzegowina oder im Westen Europas. Die allermeisten Moscheen, die heute auf dem Balkan gebaut werden, entstehen mit Geldern vom Golf. Wenn Salafisten in Deutschland gratis den Koran verteilen, so finanzieren das Stiftungen aus Katar.

1979 ist ein tiefer Einschnitt, der Auftakt der „konservativen“ Revolution, das Ausrufen des glorifizierten religiösen Mittelalters als Weg des Heils für die Zukunft: Seitdem dominieren zwei extreme Varianten des politischen Islam Auftreten und Auslegung der Religion weltweit. Vor 1979 konnte man außerhalb der Golf-Staaten beinahe selbstverständlich Alkohol trinken und sogar über so heikle Dinge wie Religion sprechen.

Wer anderen eine Grube gräbt

Doch keine Woche, bevor das Jahr endete, gelang Zbigniew Brzezinski, Jimmy Carters nationalem Sicherheitsberater, noch ein tragischer Coup: Seine „Afghanistan Falle“ schnappte zu. Dafür hatte Brzezinski die blutigen Konflikte an der sowjetischen Südostflanke geschürt und radikalislamische Mudjaheddin im Kampf gegen die laizistische Regierung in Kabul unterstützt.

Die Sowjets befürchteten, der Glaubenskrieg könnte auf ihre unmittelbar benachbarten muslimischen Republiken überspringen. Am 25. Dezember überquerten Einheiten der 40. Armee bei Termiz und Kuschka die afghanische Grenze. 7.000 Elitesoldaten landeten in Kabul und Bagram. Zwei Tage später eroberten Fallschirmspringer und Spezialtruppen des sowjetischen Geheimdienstes KGB den Tajbeg-Palast und töteten den afghanischen Präsidenten Hafizullah Amin.

Brzezinski wusste, was britischen Truppen im Januar 1842 im Ersten Anglo-Afghanischen Krieg am Khyber-Pass widerfahren war: Nachdem die Briten Kabul eingenommen hatten, brachen in der Bevölkerung Aufstände aus. Großbritannien zog sich zurück, dabei wurde ein Großteil der britischen Soldaten getötet. Brzezinski wünschte den Sowjets dasselbe, und gratulierte sich selbst wiederholt zu seinem grandiosen Erfolg.

Das Erbe von 1979

Aus der Rückschau ist die „Afghanistan-Falle“ das perfekte Beispiel für die Grube, die man anderen gräbt und anschließend selbst hineinfällt. Jeder Soldat, der heute am Hindukusch verstümmelt wird und seine Kameraden sterben sieht, und jeder, der bei islamistischen Anschlägen sein Leben oder Angehörige verliert, darf sich nicht nur bei Osama bin Laden und dessen Sponsoren in Saudi-Arabien bedanken, sondern auch bei dem cleveren Professor Brzezinski.

1979 markiert den Auftakt der reaktionär religiösen Renaissance und des modernen Djihads. Es hat uns den phänomenalen Erfolg des Begriffs „islamophob“ beschert: Khomeinis semantische Perversion, die Ursache und Wirkung vertauscht. Zugleich markiert es historisch gesehen die Rückkehr einer Kriegsform, die Europa zuletzt im Dreißigjährigen Krieg erlebt hat und die es mit dem Westfälischen Frieden aus der Welt geschafft wähnte: Das „heilige Morden“ in göttlichem Auftrag, das das Töten „Ungläubiger“ zur Pflicht erklärt und jeden zum Ziel macht, der dem „falschen Bekenntnis“ angehört.