Die Opfer der sexuellen Revolution im Gefolge der 68er-Bewegung waren im Jubiläumsjahr 2018 kein Thema. Selbst dem Verdacht auf grüne Kinderprostitution wurde nicht nachgegangen. Die Zahl der Opfer der pädophilen, grünen Parteigruppe „Jung und Alt“ in Kreuzberg wird auf 1000 Kinder geschätzt.

Solche Sätze mag die Bewegung nicht mehr leiden: Aufgabe der Mutter und Bezugsperson sei es, dem sexuellen Bedürfnis des Kindes „Befriedigung und damit Lust und Freude zu verschaffen“. Diese Formel schrieb Monika Seifert, eine Ikone der 68er-Bewegung, in ein Manifest der Kinderschule Frankfurt. Das Papier strotzt nur so vor Lustgewinn und Liebesfähigkeit von Kleinkindern.

Als die Zitate im Oktober bei der Festveranstaltung „50 Jahre Kinderladen“ im Berliner Heimathafen fallen, herrscht erst eisiges Schweigen. Schnell regt sich auch Protest. Es sei nicht in Ordnung, die Stelle vorzulesen, empört sich ein Seifert-Fan. Sie habe das ganz anders gemeint.

Die Szene ist prototypisch dafür, wie sich 68er erinnern wollen: Nur das Gute darf im Gedächtnis bleiben. Die Studentenbewegung nimmt für sich in Anspruch, die Republik Aufklärung gelehrt zu haben. Wenn es um blinde Flecken und eigene Verbrechen geht, gilt dieses Motto nicht mehr. Die Regieanweisung für die Kinderladenveranstaltung etwa lautete, das Thema sexuellen Missbrauch nicht anzusprechen – „außer es kommt aus dem Publikum“.

Das Jubiläumsjahr 2018 war für die Aufarbeitung dessen, was bei der sexuellen Revolution nach 1968 alles schiefgelaufen ist, ein verlorenes Jahr. Kein Tatort wurde enthüllt, kein Opfer angehört, keine Debatte über „1968 und Missbrauch“ geführt.

Die pädophile Viererbande

Wir erinnern uns: Im Jahr 2013 hatte auch der Ober-68er Daniel Cohn-Bendit mit verstörenden Zitaten Furore gemacht. Etwa dem, dass es ihm als Erzieher in der Kindertagesstätte der Uni Frankfurt „mehrfach passiert ist, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und begonnen haben, mich zu streicheln“. Diese Stellen waren schon lange bekannt. Weil aber kurz zuvor das katholische Canisius-Kolleg und die reformpädagogische Odenwaldschule als Orte massiven sexuellen Missbrauchs enttarnt worden waren, zeigte sich die Öffentlichkeit nun hochsensibel. Plötzlich fanden sich etliche Stellen und Szenen aus der Welt der Kinderläden, die nicht mehr nach sexueller Befreiung, sondern nach sexueller Gewalt klangen.

Journalisten recherchierten bald weitere Post-68-Tatorte. EineKommune in Nordrhein-Westfalen wurde aufgedeckt, den Dachsberg, wo der sexuelle Missbrauch ein Ritual war.

Und über Berlin-Kreuzberg fand man heraus, dass dort um 1980 herum eine Gruppe von Pädokriminellen die Grünen praktisch gekapert hatte. Die grüne Parteigruppe „Jung und Alt“ nutzte einen Freizeitkeller, in den sie Jungen lotste, um sie zu missbrauchen. Die Viererbande war effizient organisiert: Sie hatte einen Opferbeschaffer, einen Kinderpornografen, ein Emissär wurde in der alternativen „taz“ platziert, der dort als Redakteur eine Seite betreute, die sich regelmäßig mit Pädophilie befasste.

Dazu gehörte auch Dieter Fritz Ullmann, ein politischer Lobbyist, der innerhalb und außerhalb der Grünen für die Legalisierung von – so nannte man das damals – „Sex mit Kindern“ kämpfte. Bei den sich gerade etablierenden Grünen wurde eine Zeit lang schützend die Hand über Ullmann gehalten.

Einer der wenigen echten Aufklärer der heutigen Grünen, Thomas Birk, schätzt die Zahl der Opfer von „Jung und Alt“ in Kreuzberg auf 1000 Jungen. Als Berlins Grüne eine eigene Aufklärungskommission einsetzten, wurde diese Zahl kassiert. Die Aussage eines Opfers, dass Mitglieder der Viererbande Kinder an den Bahnhof Zoo schafften, um sie dort zu prostituieren, nahm die Kommission in keinen Bericht auf. Der Verdacht auf grüne Kinderprostitution ist bis heute nicht aufgeklärt.

Sexuelle Reeducation

Die Hintergründe dieser Verbrechen schreien geradezu nach vollständiger Aufklärung, und welcher Anlass wäre dazu besser geeignet gewesen als der 50. Geburtstag von 1968?

Mit etwas Abstand hätte man sich fragen können: Was bleibt eigentlich von den 68ern, wenn der Kern ihres Reeducation-Programms, die sexuelle Revolution, derart missbraucht wurde? Wenn „so manche SDS-Frau sich unter Hinweis auf den hehren Dienst an der Revolution zum Beischlaf genötigt fühlte“, wie die Historikerin Christina von Hodenberg schreibt? Und wenn Kinder in Kommunen und Kinderläden zu Opfern einer Erziehungsidee wurden, die auf eine päderastische Republik hinausgelaufen wäre? Aber nichts von alledem. 2018 verlief wie ein langer, ruhiger Fluss.

Angefangen bei den Archivaren von 1968, Sven Reichardt und vor allem Wolfgang Kraushaar, wurden keine neuen Erkenntnisse zu diesem Kapitel vorgetragen. Obwohl sie die damaligen Kämpfer und deren hinterlassene Quellen gut kennen, repetieren sie in ihren neuen Arbeiten lediglich von Journalisten aufgebrachtes Material. Kraushaar spricht milde von „einigen Problemen“ einer „romantischen Revolte“. Reichardt bemerkt „eine utopische Überfrachtung der Sexualität“. Eine neue Interpretation von 1968 versuchen beide nicht. Sie historisieren die Studentenbewegung als bahnbrechende Zivilisierung der Post-Nazi-Gesellschaft. Die 68er bleiben hochglanzverpackt.

Besonders originell verlief die Aufklärung bei den Kinderläden. Diese antiautoritären Kitas waren damals als die Keimzelle einer neuen Gesellschaft gedacht. Die Kinder sollten von dem Muff und der Härte einer Erziehung à la Johanna Haarer befreit werden. Die eifrige Hitler-Zitiererin war die Erziehungsratgeberin von 1934 bis tief in die 60er-Jahre. Eine sexuelle Revolution sollte die Loslösung vom Nazi-Charakter bewerkstelligen, genauer war es die sexuelle Befreiung des Kindes. Dazu gehörte, nicht mehr in der Prüderie der Kleinfamilie aufzuwachsen, die Wilhelm Reich als Keimzelle des Faschismus ausmachte. Stattdessen sollten Kinder in Kinderläden ihren Körper erkunden. Das hieß – anders als viele meinen – nicht nur, nackig im Garten zu spielen. Nein, es ging damals um die aktive Sexualisierung von Kleinkindern.

Mit pädagogischen Eingriffen, so forderte es die Haarer-Antipodin Monika Seifert, sollte man Kindern zur Befriedigung auch unartikulierter sexueller Triebe verhelfen. Das Kind solle „Lustgewinn einerseits und Freiheit und Selbstständigkeit andererseits“ erleben.

Solche Passagen waren keine Spezialität der Frankfurter Kinderschule. In Kinderläden finden sich Protokolle von Sitzungen, in denen Eltern seitenlang festhalten, wie man Kinder am besten in den Sex einbeziehen könne. Niemand kann heute genau sagen, ob solche Praktiken Papier blieben oder nach einiger Zeit abgebrochen wurden – wie der minutiös geschilderte Penisversuch mit einer Dreijährigen in der Kommune 2.

Dass wir das nicht wissen, liegt auch daran, dass es zwar eine Forschung über Kinderläden gibt. Diese aber hörte nicht etwa Zeitzeugen und Opfer an. Es gehe um „Diskurse und ihre Kontexte, weniger [um] Akteurinnen oder Akteure“, schreibt die beste Kennerin der Kinderläden, die Erziehungswissenschaftlerin Meike Sophia Baader. Die (nicht mit Andreas Baader verwandte) Forscherin ging den Kinderläden immerhin im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft auf den Grund. „In unserem Material zur Kinderladenbewegung haben wir keine Hinweise auf körperliche Übergriffe gefunden“, sagte sie – obwohl sie nur Diskurse untersucht hat. Die konsequente Aufklärung dieser Zeit ist für Baader Ausdruck einer „neuen Hysterie und Retabuisierung“.

Ähnlich matt verläuft die Aufarbeitung von Helmut Kentler. Der berühmte Sexualpädagoge ist das Mastermind der pädophilen Propaganda und Praxis im Gefolge von 1968. Von Kentler führen Verbindungslinien in Dieter Fritz Ullmanns Pädokriminellenlobby Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie. Er verantwortete das „Leihväter“-Projekt beim Berliner Senat, bei dem Jugendliche in staatlichem Auftrag in die Fürsorge pädophiler Hausmeister gegeben wurden.

Die Forschung zu Kentler hat zwar begonnen. Als Zeugen dienten aber auch dort nicht Überlebende von Missbrauch, sondern Freunde Kentlers, die von der heilenden Wirkung pädophiler Hände berichten. Helmut Kentler hat sein Paradigma der gleichberechtigten und emanzipatorischen Sexualität von Kindern weit in der Sexual- und der Sozialpädagogik verbreitet. Dennoch gibt es bis heute keine systematische Aufarbeitung seiner Folgen in der Erziehungswissenschaft.

Die schwarzgrüne Republik und ihre geistigen Grundlagen

Nicht einmal die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hat sich des Themas angenommen. „Ich bin selber 1968er und finde, dass diese Zeit bedeutende Veränderungen für die Gesellschaft bewirkt hat“: So begründete ein Mitglied der von der Bundesregierung eingesetzten Aufklärergruppe, warum es im zu Ende gehenden Jahr zum Thema „1968 und sexuelle Befreiung“ weder Anhörungen noch Untersuchungen gab. Erst kurz vor Ablauf des Jubiläumsjahres wurde hastig eine Forschungsarbeit in Auftrag gegeben – es ist eine Vorstudie.

Was bedeutet es für die 68er-Bewegung, dass ihr Betriebsjubiläum so verschenkt wurde? Es ist eine verpasste Gelegenheit, die Ursprünge heutiger Erziehung auf den Prüfstand zu stellen: Was war die sexuelle Befreiung wirklich, was kann die Gesellschaft davon eigentlich bewahren? Die katholische Kirche hat gerade erlebt, wie eine späte Untersuchung die Institution fast zerreißt. Man kann sich ausmalen, was der Studentenbewegung und gütigen Interpreten wie Kraushaar blüht, wenn junge, von der 68er-Idee unbeeindruckte Forscher die zweite demokratische Gründung der Bildungsrepublik unter die Lupe nehmen – und neu einordnen.

Die politischen Verhältnisse wandeln sich gerade. Deutschland steht mit einiger Wahrscheinlichkeit vor einer schwarz-grünen Ära. Die Bürger haben ein Recht darauf, ohne Beschönigung zu erfahren, was eigentlich die geistigen Grundlagen dieser grün eingefärbten Republik sind.